
Ein warmer Samstagnachmittag Ende Juli mitten in der Hauptstadt. Der Geruch von Rauch, altem Holz und Bier hängt in der Luft, während draußen der lebhafte Trubel der Stadt vorüberrauscht. Zwei kühle Getränke stehen auf dem Tisch.
Arne Krasting, Jahrgang 1975, gebürtiger Hamburger und Mitgründer der Agentur Zeitreisen GbR, lebt seit einem Vierteljahrhundert in Berlin. Seit 2020 führt er Gäste auf den Spuren von Babylon Berlin durch die Hauptstadt. Der studierte Historiker – Geschichte, Französisch und Europäische Ethnologie in Freiburg, Paris und Berlin – spricht ruhig, aber mit spürbarer Begeisterung, wenn es um die Zwanziger geht. In Jeans und lässigem Style wirkt er zugleich geerdet und voller Energie – jemand, der lieber draußen unterwegs ist, als im Büro zu sitzen. Er bringt seinen Gästen nicht nur Drehorte, sondern auch die bewegte Geschichte dieser Zeit näher.
Er lehnt sich vor, die Hände um sein Glas gelegt. Neben ihm liegt ein Notizbuch, darin handschriftliche Gedanken zu Drehorten und Filmszenen – fast sinnbildlich für ihn: jemand, der in der Gegenwart lebt, aber gedanklich oft im Gestern verweilt.
Dann beginnt er zu erzählen – von seinen Erfahrungen, seinen Eindrücken, seiner Leidenschaft.
„Früher an diesem Tag“, sagt er und lächelt leicht, „stand ich wieder mit einer Gruppe in einer kleinen Seitenstraße. Babylon-Fans, neugierig, mit glänzenden Augen. Darunter auch du.“
Er gestikuliert, als spräche er zu seiner Gruppe, erzählt von der legendären Tanzszene im Moka Efti – dem flirrenden Licht, den goldenen Geländern, der Musik, die durch Mark und Bein geht. Seine Augen funkeln, wenn er über historische Details spricht – und immer wieder schmunzelt er, wenn jemand eine Vermutung zu einem Drehort wagt.
„Es gibt bestimmte Tage, an denen ich das mache“, sagt er und nimmt einen Schluck. „Die Babylon Berlin-Tour führe ich seit sechs Jahren – immer samstags, manchmal auch mittwochs oder freitags.“ Die restliche Zeit arbeitet Krasting für die Agentur Zeitreisen, die er 2001 mitgründete. Dort entwickelt er historische Stadtführungen und Bildungsprojekte – Themen, die ihn seit seinem Geschichtsstudium begleiten. Doch die Babylon-Tour ist für ihn etwas Besonderes: Hier trifft er auf Fans der Serie, kann sein Wissen teilen und seine Leidenschaft für Film und Geschichte weitergeben. Eigentlich, sagt er, habe er die Tour längst abgeben wollen – aber sie mache einfach noch zu viel Spaß.

Schon lange bevor er Gäste durch das Berlin der 1920er führte, zog es Krasting zu den Drehorten großer Produktionen. „Ich habe mich immer für die 20er Jahre interessiert“, erzählt er. „Und ich habe auch ein Faible für Filme – für Filmtourismus, Drehorttourismus.“
2007 begann er mit dem „Rollenden Kino“ – einer Bustour zu Kulissen von Filmen wie Goodbye Lenin, Lola rennt oder Der Himmel über Berlin. Während auf Monitoren Ausschnitte liefen, erzählte er die Geschichten dahinter. „Am Anfang lief das super. Aber irgendwann hatten die Leute weniger Lust auf Bustouren – sie wollten lieber zu Fuß unterwegs sein.“ Dann kam Corona, und die steigenden Buspreise taten ihr Übriges. Er entwickelte seine Leidenschaft weiter – vom Kino auf Rädern hin zu Spaziergängen durch die Filmgeschichte der Stadt.
Als Babylon Berlin ins Fernsehen kam, war es für ihn wie ein Puzzleteil, das perfekt zum anderen zu passen schien. „Das war für mich wie Eldorado. Eine Serie, die viele Orte in Berlin als Drehorte bespielt und gleichzeitig die Geschichte dahinter erzählt.“
Wer ihn auf seinen Touren begleitet, merkt schnell: Arne Krasting ist ein aufmerksamer Beobachter mit einem wachsamen Blick für Details. „Am Anfang hatte ich die Liste der Drehorte nicht und habe immer mitgefiebert, wo das sein könnte.“ Oft waren es Orte, „die noch nicht verfilmt oder an denen noch nicht so viele Filmteams waren“ – etwa ein altes Stummfilmkino in Weißensee, in dem das Moka-Efti-Set rekonstruiert wurde.
Für ihn ist es jedes Mal ein besonderer Moment, wenn er einen bekannten Ort in einer neuen Rolle wiedererkennt: „Wenn du deine Stadt magst und plötzlich eine vertraute Straße auf der Leinwand siehst – das macht dich stolz.“
Man spürt, dass es ihm nicht nur um das Wiedererkennen geht. Es ist die Freude darüber, wie vertraute Orte eine zweite, filmische Identität annehmen – und dass er Teil dieser Entdeckungsreise ist.
Authentizität bedeutet für Krasting nicht, alles haarklein historisch nachzubauen. „Das Wichtigste ist das Gefühl, das für diese Zeit vermittelt wird“, sagt er. Babylon Berlin zeige die Spannungen der 1920er Jahre: „Die Unterschiede zwischen Arm und Reich, beide Welten, Schattenseiten und Lichterwelten. Die politischen und sehr radikalen Gegensätzlichkeiten.“
Und manchmal sind die Drehorte eine Überraschung. So drehte man Der Holländer nicht im Studio, sondern in der Bar Tausend am Schiffbauerdamm – ein Club, der heute modern ausgestaltet ist und kaum wie ein Relikt der 1920er wirkt. Dennoch: durch Spiegelwände, gedimmtes Licht, diskrete Metalldekore und subtile Requisiten schuf das Team eine Atmosphäre, die perfekt in die Ästhetik von Babylon Berlin passt. „Aber sie könnte passen – und in der Serie funktioniert es perfekt“, sagt er – und in diesem Sprung zwischen Zeit und Raum liegt auch ein Stück seiner Faszination.

Wenn er von seinem Lieblingsort spricht, leuchten seine Augen. „Das Delphi ist für mich ein einzigartiger Ort. Von außen eine hässliche Fassade, der Putz bröckelt, keine Fenster – total unattraktiv. Aber dann gehst du um die Ecke, und es öffnet sich dieser Raum, dieses Kino. Das ist ein magischer Ort.“
Es ist genau diese Mischung aus verborgener Schönheit und filmischer Illusion, die ihn fasziniert – und die er auch seinen Gästen zeigen möchte. Für ihn ist das Delphi der Inbegriff filmischer Verwandlung.

Sein Wissen und seine Faszination um Drehorte führte Krasting schließlich selbst vor die Kamera. „Bei Babylon war es so, dass ich den Produzenten gefragt habe, ob ich mal dabei sein und zugucken kann. Zugucken war schwierig, aber er hat dann etwas organisiert und ich durfte mitspielen.“
Aus dem Zuschauen wurden fünf Drehtage – und ein abgesagter Urlaub. „So eine Chance hast du nicht nochmal.“
Er erinnert sich, lächelt und überlegt kurz. In welcher Folge man ihn sieht? „Ehrlich gesagt – ich weiß es gar nicht mehr so genau“, sagt er und lacht. „In Staffel drei bin ich immer wieder im Hintergrund zu sehen, besonders, wenn im Filmstudio gedreht wird. Mein Gesicht erkennt man gleich in der ersten Folge – und später noch einmal, als Charlotte gerettet wird.“ Auch in Staffel vier taucht er auf, diesmal als Teil des Publikums beim Boxkampf, „aber da muss man schon sehr genau hinschauen“.
In Staffel 5 ist er wieder dabei – und durfte für einen Drehtag sogar in seine Heimatstadt Hamburg reisen. Für ihn war es ein besonderer Moment, nach all den Berliner Jahren wieder dort vor der Kamera zu stehen – an einem Ort, an dem für ihn alles begann.
Er erinnert sich außerdem an eine „extrem angenehme“ und zugleich „extrem konzentrierte“ Atmosphäre. „Es wird geschaut, dass alles schnell genug geht, weil es einen engen Zeitplan gibt. Trotzdem war es ein unglaublich schönes Arbeiten.“
Über die Komparsenagentur „Filmgesichter“ folgten weitere Anfragen – auch für internationale Produktionen. Bei Uncharted mit Tom Holland und Antonio Banderas kam es zu einer skurrilen Begegnung, die er bis heute mit einem Lächeln auf den Lippen erzählt: „Tom Holland kam einfach rein und fragte: ‘Kann man hier rauchen? Hat jemand eine Zigarette?‘ Wir kamen gerade ins Gespräch – bis einer seiner Betreuer hereinkam und ihn diskret aus der Situation zog.“
Für Krasting sind die Touren mehr als ein Spaziergang durch die Welt der Drehorte. „Ich möchte die Kulissen, die Drehorte, die Motive zeigen, um etwas über Film zu verstehen. Ich habe gelernt, wie Film funktioniert und Erkenntnisse gewonnen, die ich teilen möchte.“
Und immer wieder schlägt er die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Leute gehen raus und sagen: ‘Oh Mann, was war das für eine spannende, für eine schwierige Zeit damals.‘“
Arne Krasting ist jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht – und andere dazu einlädt, es ihm gleichzutun. Wer mit ihm unterwegs ist, sieht nicht nur Filmkulissen, sondern erlebt Berlin durch die Augen eines Menschen, der Geschichte liebt und sie lebendig werden lässt. Seine Begeisterung steckt an – ganz ohne Mühe.
Titelbild-©: Heinrich von Schimmer

