Vom Geheimtipp zum Instagram-Hotspot

Alles ist miteinander verbunden – auch in der Realität. Seit Dark auf Netflix erschien, hat sich das düstere Winden über Social Media hinaus in die Welt ausgedehnt. Der Beitrag zeigt, wie sich reale Orte durch Serienbilder, Hashtags und kollektive Faszination verwandeln – und wie aus Drehorten digitale Pilgerstätten werden.
Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine Illusion, wenn ich eine hartnäckige..." – Albert Einstein

„Gestern, morgen und heute folgen nicht aufeinander – sie sind in einem ewigen Kreis miteinander verbunden." Der Eröffnungsmonolog der Netflix-Serie Dark (2017–2020) könnte ebenso über die Wege ihrer Fans gesprochen sein. Seit die deutsche Science-Fiction-Serie erschien, kehren Menschen immer wieder an ihre Schauplätze zurück – auf Bildschirmen, auf Landkarten, in Feeds.

Orte wie der Südwestkirchhof Stahnsdorf, das Chemiewerk Rüdersdorf oder die stillgelegten Gleise im Düppeler Forst sind längst keine Geheimnisse mehr. Sie sind Teil eines Kreislaufs der Sichtbarkeit geworden: vom Set zur Serie, von Netflix zu Instagram, vom Bild zur Nachstellung. Zeit mag Illusion sein – Reichweite ist es nicht. Und so zeigt Darkheute, wie eng Fiktion und Plattformwirklichkeit verschränkt sind.

Ein Serienlook schreibt neue Landkarten

Kaum eine deutsche Serie hat eine so unverwechselbare visuelle Handschrift wie Dark: fahles Licht, Regen, Nebel, Moos, gedämpfte Farben in Grün-, Grau- und Brauntönen. Diese Ästhetik hat sich eingebrannt – nicht nur in das kollektive Gedächtnis der Zuschauer, sondern auch in die Art, wie sie heute reisen.

Die Drehorte der Serie liegen verstreut in Brandenburg und rund um Berlin: unscheinbare Friedhöfe, alte Bahntrassen, verlassene Industrieanlagen. Orte, die anonym waren, bis sie durch die Kamera Bedeutung erhielten. Auf Instagram und TikTok tauchen sie nun als Koordinaten einer mystischen Topografie auf – eine digitale Landkarte des fiktiven Städtchens Winden.

Unter Hashtags wie #DarkLocations, #WindenIsReal oder #DarkNetflix teilen Fans Fotos, die den Look der Serie imitieren: Nebel, Einsamkeit, Zeitstillstand. „I searched the forest for an abandoned railroad and found another location from Dark", schreibt eine Nutzerin auf Instagram. Eine andere posiert vor der hölzernen Kapelle in Stahnsdorf: „Here are the filming locations of Dark. Dreams do come true."

Was hier entsteht, ist kein klassischer Tourismus, sondern ein Nacherleben im digitalen Raum. Fans rekonstruieren Szenen, teilen ihre Bilder, ahmen das Licht und den Nebel der Serie nach. Dark wird so nicht nur gesehen, sondern fortgesetzt – auf Instagram, in Reels, in zahllosen Posts, die Fiktion in Alltag verwandeln.

Drei Orte, drei Transformationen

Dass die Drehorte von Dark längst zu einer eigenen Fan-Kartografie geworden sind, überrascht kaum. Online kursieren ganze Dark-Locations-Guides, in denen Fans akribisch alle Schauplätze sammeln, bewerten und auf Karten markieren – von der Kapelle in Stahnsdorf über das Chemiewerk Rüdersdorf bis zum „Wald von Winden". Auf Google Maps tauchen personalisierte Routen auf, in Blogs finden sich Reisetipps für „Dark-Fans in Berlin". Was als filmische Fiktion begann, hat so reale Wege geschaffen – eine Topografie zwischen Streaming, Suchmaschine und Selbstinszenierung.

Südwestkirchhof Stahnsdorf – die sakrale Kulisse

Der Friedhof südwestlich von Berlin diente als Schauplatz für mehrere Schlüsselszenen – insbesondere dort, wo der geheimnisvolle Priester Noah auftaucht, eine der zentralen Figuren der Serie. Die norwegische Stabkirche im dichten Grün wirkt wie geschaffen für Dark: mystisch, still, außerhalb der Zeit. Die Kirche wurde 1909 erbaut und steht inmitten eines weitläufigen Waldfriedhofs, der zu den größten Europas zählt.

Heute ist sie ein beliebtes Ziel für Serienfans. Auf Social Media erscheinen Fotos zwischen Grabsteinen und vor der dunklen Holzfassade der Kirche, ergänzt durch Zitate wie „Alles ist miteinander verbunden" – ein wiederkehrender Satz aus der Serie. Der historische Ort ist damit zugleich Erinnerungsort und Medienort geworden.

Was bleibt, ist Ambivalenz: Die Ruhe des Ortes trifft auf die Neugier der Besucher. Ein Raum des Gedenkens wird zur Bühne – und die Grenze zwischen Andacht und Inszenierung verschwimmt.

Fotomontage aus einem eigenen Bild (links) und einer Szene aus Dark (rechts)
Ausschnitt aus Dark (2017-2020), Regie: Baran bo Odar, Rechte: © Netflix. Gestreamt über Netflix.

Die Bahngleise bei Dreilinden – der Treffpunkt

Kaum ein Motiv steht so sinnbildlich für Dark wie das der Gleise, die in den Wald führen. Gefilmt wurde die Szene auf einem stillgelegten Abschnitt der Bahntrasse bei Königsweg im Düppeler Forst, südwestlich von Berlin. In der Serie sind die Gleise der Ort, an dem sich Jonas – der jugendliche Protagonist – und seine Freunde treffen. Hier schmieden sie Pläne und sprechen über die rätselhaften Ereignisse in Winden: verschwundene Kinder, Zeitreisen, düstere Prophezeiungen.

Was in der Serie ein Ort der Unruhe und des Fragens ist, wird auf Instagram zum Motiv des Dazwischen: Menschen posieren dort, wo Jonas mit seinen Freunden zusammensitzt – Rücken zur Kamera, Nebel im Hintergrund, Blick in die Ferne. Diese Bilder folgen einer klaren visuellen Grammatik: Verlassenheit, Distanz, Vorahnung. Die Serie hat sie geliefert, der Algorithmus hat sie vervielfacht. So entsteht eine Bildsprache, die sich selbst reproduziert – ein ästhetischer Loop, passend zur Zeitschleifen-Logik von Dark.

Fotomontage aus einem eigenen Bild (links) und einer Szene aus Dark (rechts)
Ausschnitt aus Dark (2017-2020), Regie: Baran bo Odar, Rechte: © Netflix. Gestreamt über Netflix.

Chemiewerk Rüdersdorf – die Ästhetik des Verfalls

Das ehemalige Phosphatwerk östlich von Berlin diente als Kulisse für das zerstörte Atomkraftwerk von Winden – ein zentraler Schauplatz der Serie, an dem sich die Zeitreise-Höhle befindet. In der Serie steht es für Zukunft und Untergang zugleich – in der Realität für den industriellen Niedergang der DDR. Die Anlage wurde 1993 stillgelegt und verfällt seitdem. Auf Social Media verschmelzen diese Ebenen. Unter Hashtags wie #LostPlacesGermany oder #DarkNetflix werden die Ruinen zu Kulissen des Begehrens.

Der bröckelnde Beton, das Licht durch zerborstene Fenster, verrostete Rohre und überwucherte Treppen – sie erzeugen eine Romantik des Zerfalls, die im digitalen Raum zu einer eigenen Ästhetik geworden ist. Der Ort wird so zum Symbol einer nostalgischen Zukunft, die nie stattgefunden hat. Eine Zukunft, die in Dark buchstäblich zerstört wurde – und die Fans nun als Ruine besuchen.

Zwischen Echtheit und Inszenierung

Die Serie Dark steht im Widerspruch zu dem, was soziale Medien gewöhnlich zeigen. Während Instagram und TikTok sonst von makellosen Reisen, leuchtenden Farben und perfekten Sonnenuntergängen leben, entfaltet Dark eine gegenteilige Ästhetik: Nebel, Kälte, Symmetrie, Melancholie. Und doch passt sie in die Logik der Plattformen – gerade weil sie anders ist. Das Dunkle, Unwirkliche wird hier zum ästhetischen Statement. Nutzer:innen greifen diese Stimmung auf, ahmen sie nach, teilen sie weiter. So wird das Unschöne selbst zur Marke – ein Gegenbild zur üblichen Perfektion, das in Feeds umso stärker auffällt. Und gerade darin zeigt sich, wie anpassungsfähig Plattformästhetiken sind: Selbst das Düstere wird konsumierbar, instagrammable.

Forschung zum sogenannten social-media-induced tourism belegt: Plattformen wie Instagram oder TikTok fungieren längst als Reiseplaner. Die spanischen Tourismusforscher Alejandro Coria, María Sánchez und Ricardo Gómez schreiben in ihrer Studie über nachhaltigen Filmtourismus (2022): Sichtbarkeit auf Social Media entscheidet heute maßgeblich über die Begehrlichkeit eines Ortes. Und der französische Soziologe Henri Lefebvre schrieb bereits 1991 in seinem Werk The Production of Space, Raum sei immer ein „produziertes Produkt" – durch soziale Praktiken, Diskurse, Bilder.

Genau das geschieht hier: Dark produziert Raum – Instagram reproduziert ihn.

Doch diese Sichtbarkeit hat Konsequenzen. Wenn der Friedhof zur Kulisse und die Bahngleise zum Symbol werden, verschiebt sich die Grenze zwischen Erfahrung und Abbild. Das Bedürfnis, Teil der Geschichte zu sein, verwandelt sich in ein Bild-Pilgern. Besucher treten nicht mehr als Beobachtende auf, sondern als Protagonist:innen einer erweiterten Serienwelt. Sie stehen dort, wo Jonas stand. Sie fotografieren, was die Kamera zeigte. Sie werden selbst zu Figuren in einem endlosen Loop aus Bild und Nachbild.

Faszination und Verantwortung

Dass Orte wie Stahnsdorf oder Rüdersdorf heute stärker frequentiert sind, ist kein Zufall, sondern Folge einer algorithmischen Dramaturgie. Der Hashtag ersetzt den Reiseführer, der Post den Erfahrungsbericht. Wer nach „DarkDrehorte" googelt, findet binnen Sekunden Koordinaten, Anfahrtsbeschreibungen, Empfehlungen für das beste Licht.

Und doch steckt in diesem Phänomen mehr als bloßer Selfie-Kult. Fans erschaffen eigene Narrative, interpretieren, verknüpfen – sie machen aus Orten kollektive Erinnerungsräume. In dieser Hinsicht ist der Dark-Tourismus auch Ausdruck einer emotionalen Bindung an Fiktion, einer Lust an der Wiederkehr. Wer die Gleise besucht, sucht nicht nur ein Fotomotiv, sondern eine Verbindung – zu einer Geschichte, die ihn berührt hat.

Die Herausforderung liegt darin, das Gleichgewicht zu wahren: zwischen Neugier und Respekt, zwischen filmischer Faszination und kultureller Verantwortung. Orte wie der Südwestkirchhof oder das Chemiewerk tragen reale Geschichten in sich. Der Friedhof ist ein Ort der Trauer, das Chemiewerk ein Zeugnis industrieller Geschichte. Sie sind keine Bühnen, sondern Archive. Wer sie betritt, betritt mehr als nur eine Serie.

Fotomontage aus einem eigenen Bild (links) und einer Szene aus Dark (rechts)Ausschnitt aus Dark (2017-2020), Regie: Baran bo Odar, Rechte: © Netflix. Gestreamt über Netflix.

Alles ist miteinander verbunden

Dark zeigt exemplarisch, wie audiovisuelle Erzählungen und soziale Medien Orte verwandeln. Was einst Wald, Brache oder Friedhof war, wird zu einem mythischen Raum. Filme schaffen Bedeutung – Plattformen verstärken sie.

So entsteht ein Kreislauf der Sichtbarkeit:

Film produziert Ort – Social Media verbreitet Ort – Tourismus bestätigt Ort.

Der ehemals stille Friedhof wird fotografiert, die Gleise betreten, die Fabrikhalle gehashtaggt. Orte werden dadurch nicht nur bekannt, sondern neu gedeutet. Sie erhalten eine zweite Identität – eine, die nicht aus ihrer Geschichte erwächst, sondern aus ihrer medialen Inszenierung.

Und vielleicht liegt genau darin die Pointe: Alles ist miteinander verbunden – auch wir. Wir leben längst nicht mehr nur mit Serien – wir leben in ihren Bildern.

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