
Vor dem alten Görlitzer Kaufhaus herrscht reges Treiben. Auf dem kleinen Markt nebenan rascheln Einkaufstüten, eine Straßenbahn quietscht um die Kurve. Hinter den Fenstern liegt der leere Jugendstilsaal – einst Kulisse für The Grand Budapest Hotel. Heute bleiben Passant:innen stehen, machen Fotos, lächeln kurz, als erinnerten sie sich an eine Szene, die hier längst vorbei ist.
Ein Ort, berühmt durch Fiktion – und doch ganz real.
Solche Orte gibt es viele. Von Moritzburg bis Wismar, von Burg Querfurt bis zur Bavaria Filmstadt reisen Menschen quer durchs Land, um für einen Moment in ihre Lieblingsfilme einzutauchen. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen – über Erwartungen, Enttäuschungen und die Sehnsucht, Film ein Stück weit berühren zu können.
„Ich wollte das einmal mit eigenen Augen sehen.“
Schloss Moritzburg, Sachsen
Die Sonne spiegelt sich auf dem Teich um das Schloss, Enten ziehen ihre Bahnen, und auf dem Vorplatz hört man die Hufe der Kutschpferde.
Ingrid, 67, Rentnerin aus Magdeburg, steht mit einer kleinen Digital-Kamera in der Hand in der Allee, die auf das Schloss zuführt. Sie lächelt, als sie den Blick hebt.
„Das ist doch hier, wo Aschenbrödel die Treppe runterkommt, oder?“ sagt sie und lacht kurz, fast verlegen.
„Ich gucke den Film jedes Jahr. Und dann dacht ich: Jetzt reicht’s. Jetzt fahr ich her. Ich wollte das einmal mit eigenen Augen sehen.“
Im Film, sagt sie, sei alles „heller, märchenhafter“. Aber das störe sie nicht. „Das hier ist echter. Der Wind, das Wasser, die Geräusche – das hat man im Fernsehen nicht.“
Sie nickt, als wollte sie sich selbst zustimmen. „Ich glaub, das ist so ’n bisschen Kindheit, was man hier sucht.“
„Im Film sah das alles viel größer aus.“
Burg Querfurt, Sachsen-Anhalt
Über den alten Wehrgang pfeift Wind, auf den Platz in der Mitte der Burg, das Herzstück, fällt die warme Sonne. Sami, 35, Student aus Frankfurt, zieht die Sonnenbrille ins Haar und grinst.
„Ich bin ehrlich – ich bin wegen Der Medicus hier. Hab das damals im Kino gesehen und dann gelesen, dass das hier gedreht wurde. Und dann dacht ich: Okay, guckste dir mal an.“
Er macht ein Foto mit dem Handy, zoomt auf den Burghof. „Im Film war das alles riesig. Hier ist’s kleiner, aber irgendwie beeindruckender. Man merkt erst, wie viel getrickst wird, wenn man es dann mal in echt sieht. Aber ich find das cool. Man lernt, Filme anders zu sehen und zu verstehen.“
Dann lacht er. „Und außerdem: Querfurt ist halt näher als Marokko.“
„Ich steh auf diese Anderson-Filme – alles so schön schräg.“
Görlitz, Sachsen
Der Himmel ist grau, das Pflaster glänzt. Marta, 41, Lehrerin aus Krakau, steht mit ihrem Handy in der Hand vor dem geschlossenen Kaufhaus. Google Maps ist geöffnet.
„Wir machen Urlaub in der Gegend, und ich wollte unbedingt hierher. The Grand Budapest Hotel ist einer meiner Lieblingsfilme.“
Sie zeigt auf die Jugendstilfassade. „Ich wusste gar nicht, dass das innen in diesem Gebäude gedreht wurde. Im Film wirkt’s ja wie ein riesiges Hotel. In echt ist’s leer. Aber das ist auch schön. Man merkt, wie viel Fantasie da drinsteckt.“
Ihr Sohn zerrt an ihrem Ärmel. „Mama, können wir weiter?“ – Sie lacht. „Ja, wahrscheinlich muss man den Film kennen, um’s spannend zu finden.“
„Ich wollte wissen, wie das alles entsteht.“
Bavaria Filmstadt, Bayern
Zwischen Kulissen aus Beton und Pappmaché steht Henrik, 52, Ingenieur aus Hamburg.
„Ich bin Filmfan, aber nicht unbedingt wegen der Stars. Mich interessiert, wie das gemacht wird und was im Hintergrund abläuft. Wie man beispielsweise aus einfachen Dingen aus dem Baumarkt ein Raumschiff hier rein baut.“
Er zeigt mit dem Finger auf eine Studiowand: „Hier sieht man, dass fast alles Illusion ist. Und das find ich besonders beeindruckend. Dass man etwas so echt aussehen lassen kann, obwohl’s gar nicht echt ist.“
Er lacht: „Das ist das Spannende hier – nicht unbedingt die Orte an sich, sondern die Tricks dahinter.“
Abschluss: Zwischen Realität und Erinnerung
Es sind kleine Begegnungen, zwischen Kameras und Stadtplänen, zwischen Nostalgie und Neugier.
Alle, mit denen ich spreche, verbindet dasselbe: der Wunsch, eine Geschichte zu berühren. Nicht digital, sondern wirklich. Ein kleiner Teil davon sein zu können.
Filmtourismus ist dabei selten wirklich glamourös. Es ist nicht unbedingt ein Selfie mit den Stars der Leinwandwelt, sondern eine Begegnung mit dem Ort hinter der Geschichte.
Ein Schloss wird zum Märchen, eine Burg zu einem weitentfernten Ort, eine ganze Stadt zur Kulisse. Und manchmal, wenn der Wind über das Pflaster zieht, wirkt es für einen kurzen Moment, als hätte der Abspann noch nicht begonnen.

