Phänomen Set-Jetting und Filmtourismus – Wenn Fiktion zur Reiselust wird

Von der Leinwand auf die Landkarte: Set-Jetting verwandelt Drehorte in Sehnsuchtsorte. Wie Filme unsere Reisen prägen – und warum wir Orte besuchen, um Geschichten zu erleben.

Ein leises Summen, dann das Aufblenden des Projektors. Eine Küste, ein Schloss, eine Straße im Abendlicht – und irgendwo im Publikum wächst der Gedanke: Da möchte ich hin.

Was als flüchtiger Moment im Kino beginnt, endet oft in echten Fußspuren auf realem Boden. Set-Jetting – das Reisen zu Drehorten bekannter Filme und Serien – ist längst mehr als eine Nische für Fans. Es ist ein globales Kultur- und Medienphänomen, das Fiktion und Wirklichkeit auf überraschende Weise verbindet.

Von der Leinwand zur Landkarte

Der Begriff Set-Jetting entstand in den frühen 2000er-Jahren – ein Wortspiel mit dem „Jet-Set-Travel“. Gemeint ist eine Form des Filmtourismus, bei der Menschen gezielt jene Orte besuchen, die sie zuvor im Film gesehen haben. Anders als klassische Sehenswürdigkeiten, die durch Geschichte oder Architektur glänzen, leben diese Destinationen von Bildern, Emotionen und Erzählungen.

Der französische Philosoph Henri Lefebvre beschrieb Raum als „produziert“, also als Resultat sozialer Praktiken und Wahrnehmungen (The Production of Space, 1991). Übertragen auf Set-Jetting heißt das: Orte entstehen nicht nur durch Materialität, sondern durch ihre mediale Wiederholung. Ein Schloss bleibt nicht einfach ein Schloss – es wird zum Aschenbrödel-Schloss, ein Wald zum Dark-Wald, eine Stadt zum Grand-Budapest-Hotel-Schauplatz.

Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren setzte Filmtourismus ein, etwa nach Braveheart (1995) in Schottland oder Der Herr der Ringe (2001–2003) in Neuseeland. Doch erst das Streaming-Zeitalter machte das Phänomen global sichtbar: Serien wie Game of Thrones, Emily in Paris oder The White Lotus fungieren heute als Reisemotoren weit über ihre Erzählwelten hinaus. Laut Tourism Review (2024) erreicht Filmtourismus inzwischen ein weltweites Marktvolumen in Milliardenhöhe – mit weiter wachsender Tendenz.

Emotion als Reisegrund

Reisen im Namen des Films sind selten rational. Sie folgen dem, was der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser als „authenticity of affect“ beschreibt (Elsaesser, 2005): Echtheit entsteht nicht durch historische Akkuratesse, sondern durch Emotionalität. Fans reisen nicht, um Orte „korrekt“ zu überprüfen, sondern um ein Gefühl wiederzufinden – Nostalgie, Faszination, Nähe.

Diese Bindung ist empirisch belegbar. Studien des Tourismusforschers Sangkyun Kim zeigen, dass Nostalgie das Reiseverhalten signifikant beeinflusst (Kim, 2019). Je stärker eine emotionale Beziehung zu einem Film, desto größer die Wahrscheinlichkeit, den Drehort zu besuchen. Orte werden zu Triggern von Erinnerung, Zugehörigkeit und Identität.

Gleichzeitig nutzen Destinationen Filme als Bühne für ihr eigenes Storytelling. So warb VisitScotland erfolgreich mit der Serie Outlander, Neuseeland mit Der Herr der Ringe. Auch deutsche Regionen greifen dieses Potenzial auf: Görlitz, Moritzburg, Querfurt oder Wismar haben sich längst als Filmorte positioniert. Die Dynamik ist zirkulär: Film erzeugt Aufmerksamkeit, diese führt zu Reisen – und die Reisen verstärken wiederum die kulturelle Bedeutung des Ortes.

Deutschland im Filmfieber

Im internationalen Vergleich ist Filmtourismus in Deutschland ein noch junges, aber rasant wachsendes Phänomen. Während in den USA die „Rocky Steps“ oder die Breakfast at Tiffany’s-Fassade ikonischen Status haben, entsteht hierzulande ein Netz regionaler Drehortkulturen.

Görlitz vermarktet sich erfolgreich als „Görliwood“ und diente bereits über 100 internationalen Produktionen als Kulisse. Schloss Moritzburg lebt vom unerschütterlichen Kult um Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, und Burg Querfurt wird seit Jahren als historische Bühne genutzt. Berlin wiederum verhandelt in Babylon Berlin die doppelte Rolle von Metropole und Zeitmaschine.

Bemerkenswert ist der Tonfall des deutschen Filmtourismus: weniger glamourös, stärker alltagsnah. Er lebt von Begegnungen – zwischen Filmcrews und Anwohnern, zwischen historischen Orten und moderner Medienkultur. Dreharbeiten fördern laut mehreren regionalen Studien lokale Wirtschaft, Infrastruktur und Gemeinschaft: Hotels, Gastronomie und Handwerksbetriebe profitieren, während Orte zugleich kulturelle Identität gewinnen. Filmtourismus wird damit zum Standortfaktor – weit mehr als bloßer Freizeittrend.

Digitale Verstärkung

Noch nie war der Weg von der Filmszene zur Reiseentscheidung so kurz wie heute. Hashtags wie #SetJetting oder #Filmlocations verbreiten sich auf Instagram, TikTok oder Google Maps millionenfach. Jede Aufnahme verlängert die Lebensdauer eines Films – als Fragment, Screenshot, Erinnerungsspur.

So entsteht ein digitaler Atlas filmischer Sehnsuchtsorte. Sichtbarkeit multipliziert sich, Authentizität wird zur Währung. Gleichzeitig rücken Fragen von Nachhaltigkeit und Verantwortung ins Zentrum: Wie viel touristischen Andrang kann ein Ort vertragen? Wo kippt Faszination in Übernutzung? Und wie lässt sich Tourismus gestalten, ohne lokale Geschichten zu verdrängen?

National Geographic (2023) betont, dass gerade viral gewordene Drehorte neue Herausforderungen für Gemeinden mit sich bringen – ökologisch, sozial und infrastrukturell. Genau an dieser Schnittstelle setzt dieses Dossier an: zwischen filmischer Wahrnehmung und digitalem Erzählen, zwischen Theorie und gelebter Erfahrung.

Ein Phänomen, das Geschichte schreibt

Set-Jetting ist längst Ausdruck einer neuen Form des Weltzugangs. Menschen reisen nicht mehr nur, um etwas Neues zu entdecken, sondern um etwas Wiederzuerkennen. In dieser Bewegung verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fiktion.

Es geht dabei weniger um Orte als um Atmosphären – um das Nachspüren von Bildern, um die Sehnsucht, Teil einer Geschichte zu sein. Vielleicht liegt genau hierin der Reiz: die Welt so zu betreten, wie sie der Film gezeigt hat, und sie doch jedes Mal neu zu erleben.

Das ist die Essenz des Filmtourismus: Er verwandelt Orte in Erlebnisse, Geschichten in Geografie. Filme enden nicht, wenn der Abspann läuft – sie leben fort in Landschaften, Städten und Erinnerungen.

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