
Von Märchenschlössern über Burgruinen bis hin zu ganzen Städten: Drehorte sind nie nur Hintergründe. Sie prägen unser Bild von Geschichte, erzeugen Illusionen und schreiben Orte neu. Meine Reise führt von Moritzburg über Querfurt und Görlitz bis nach Wismar, München und Berlin – und zeigt, wie unterschiedlich Filmwelten entstehen.
Schloss Moritzburg – Wenn Barock zum Märchen wird
Ich biege auf die Allee von Moritzburg ein – der erste Halt meiner Reise. Von Weitem liegt das Schloss still auf seiner Insel, um die gelben Mauern ruht spiegelglatt der Schlossteich. Familien mit Kindern, ältere Paare, eine Schulklasse – alle sind aus demselben Grund hier: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Ich trete ein. Kein Kamerateam, keine Scheinwerfer – nur knarrende Dielen eines Gebäudes voller Geschichte.
„Eigentlich suchte das Filmteam damals ein Renaissance-Schloss", erzählt mir Museologin Margitta Hensel. „Doch Moritzburg überzeugte – und wurde zur Märchenkulisse." Der DEFA-Film von 1973 hat das barocke Jagdschloss dauerhaft verwandelt. Mehr als 50 Jahre später pilgern jährlich Hunderttausende hierher – viele auf den Spuren von Aschenbrödel. Im Winter, wenn Schnee die Allee bedeckt, wird die Filmkulisse wieder lebendig. Moritzburg ist nicht mehr nur ein Barockschloss. Es ist ein Märchenort, aufgeladen durch Jahrzehnte von Bildern – ein Ort, der durch Film eine zweite Identität erhalten hat, ohne die erste zu verlieren.
Burg Querfurt – Stein gewordene Vielseitigkeit
Ein Sprung nach Sachsen-Anhalt. Burg Querfurt thront massiv auf einem Hügel etwas abgelegen von der Stadt. Schon am Tor merke ich: Diese Burg wirkt anders. Rauer, massiver – dafür voller Geschichten. „Hier wurde die Häuserfront für Die Päpstin errichtet“, zeigt mir Museumspädagogin Michelle Keilig. „Und da drüben wurde im Medicus seziert. Dieser Kamin?“ Sie klopft daran. „Papier. Aber er wirkt bis heute echt.“ Wir laufen durch die Kasematten – kühl und feucht. Die über 1000 Jahre alte Anlage dient seit den 1920er-Jahren als Filmdrehort: mal als mittelalterliche Festung in Luther, mal als orientalische Stadt im Medicus, mal als päpstlicher Palast.
Die Burg wird ständig neu erfunden. Während Moritzburg seine barocke Identität behält, ist Querfurt ein Chamäleon. Ein Ort, dessen Geschichte immer wieder überschrieben wird, ohne die vorherigen Schichten zu löschen.
Görlitz – Eine ganze Stadt als Bühne
Dann Görlitz. Ich schlendere über den Untermarkt, wo prachtvoll restaurierte Fassaden sich aneinanderreihen wie Kulissen auf einer Bühne. Jeder Schritt lässt spüren, warum dieses Stadtbild immer wieder als Schauplatz großer Filmproduktionen dient. Hier verwandelt sich ein Platz mühelos in Paris, München oder Weimar – und lässt Vergangenheit und Fantasie ineinanderfließen. „Es ist erstaunlich, wie oft man denselben Platz nutzen kann", sagt mir die Projektmanagerin Kerstin Gosewisch vom Filmbüro Görlitz. „Einfach durch andere Kameraeinstellungen."
Seit den 1950er-Jahren wurden in Görlitz über 100 Filme gedreht – die Stadt vermarktet sich längst als „Görliwood". Wer hier durch die Gassen streift, sieht die Stadt durch die Linsen verschiedener Filmemacher. Eine ganze Stadt kann zur Kulisse werden – wandelbar, ohne ihre Identität zu verlieren.

Bavaria Filmstadt – Reine Illusion
Ein Tor schließt sich hinter mir, und plötzlich bin ich mitten in einem Film. Vor mir eine Straßengasse, links eine Bäckerei, rechts ein Polizeirevier – nur dass die Fensterrahmen aus Kunststoff sind und die Türgriffe ins Leere führen. Das Klassenzimmer aus Fack ju Göhte, das gallische Dorf aus Asterix & Obelix, die Höhlen aus Der Schuh des Manitu. Von hinten betrachtet sind die Fassaden bloß Holz und Gerüste, aus dem richtigen Blickwinkel aber eine Welt, die für Millionen Zuschauer einmal „echt“ sein wird.
Gerade dieser Widerspruch macht den Reiz aus: Der Blick hinter die Kulisse zerstört die Illusion nicht, sondern macht sie spürbarer. Besonders ist hier außerdem die Vielseitigkeit. Ein Raum, der heute Klassenzimmer ist, wird morgen zur Polizeiwache; ein Dauerstudio beherbergt Daily-Soaps, während nebenan ein Raumschiff entsteht oder Jim Knopfs Drachenhöhle gebaut wird. Auf engstem Raum entstehen hier völlig verschiedene Welten.
Anders als Burgen oder Schlösser, die an ihre Geschichte gebunden sind, ist hier alles möglich – ein Baukasten für Filmemacher. Seit 1919 wird hier produziert, über 2.000 Produktionen sind entstanden. Die Bavaria ist nicht Kulisse, sondern Produktionsort – hier wird keine Geschichte inszeniert, sondern Gegenwart erschaffen.
Berlin – Alltag wird Kulisse
Zurück in die Hauptstadt. Hier stehe ich am Alexanderplatz. Kaum ein anderer Ort wurde für Babylon Berlin so aufwendig verwandelt: Eine historische Straßenbahn fuhr, Schaufenster wurden präpariert, hunderte Komparsen liefen durch das Bild. Heute rauschen hier Autos und Touristenströme vorbei – doch mit dem Wissen um die Serie sieht man den Platz mit anderen Augen. Auch das Rote Rathaus ist ein Drehort. In Babylon Berlin wurde es zur „Roten Burg“, dem Polizeipräsidium der Weimarer Republik. Die wuchtigen Backsteinmauern wirken gleichzeitig monumental und bedrohlich – ein ideales Double, das die Atmosphäre der Zeit einfängt.
Während Moritzburg ein Märchenschloss blieb, Querfurt seine Mauern ständig neu erfand und Görlitz eine ganze Stadt zur Bühne machte, unterscheidet sich Berlin deutlich: Hier wird der Alltag selbst zur Kulisse. Orte, die tausendfach am Tag genutzt werden, verwandeln sich über Nacht in Bilder der 1920er Jahre – und am nächsten Morgen wieder zurück.
Darüber spreche ich mit David Pieper, Locationscout der Serie. „Wir haben keine klassischen Studiobauten“, erklärt er. „Wir nehmen reale Gebäude, mieten sie langfristig und bauen sie komplett um. Für die Zuschauer wirkt es wie ein Studio, in Wahrheit ist es ein leerstehendes Verwaltungsgebäude.“ Ein Beispiel dafür ist der Bärensaal. Pieper erzählt, wie er für die Börsenszenen von 1929 genutzt wurde. „Ich hasse den Raum“, gesteht er. „Aber im Film wirkt er besser als in echt.“ Probleme mit dem Licht und TÜV-Auflagen machten die Produktion beinahe unmöglich – und doch wurde der Saal zu einem der ikonischen Bilder der Serie.
Genau das ist, was Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser als „authenticity of affect“ bezeichnet: Echtheit liegt nicht im Detail, sondern im Gefühl. Babylon Berlin zeigt eine Zeit, die wir nie erlebt haben – und macht sie dennoch spürbar.
Wismar – Nosferatus Spuren
Die Altstadt von Wismar empfängt mich mit gotischen Backsteinfassaden. 1921 drehte Friedrich Wilhelm Murnau hier Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Mehr als ein Jahrhundert später sind viele Orte noch immer erkennbar. Ich stehe auf dem Marktplatz, wo Graf Orlok mit seiner Kutsche ankommt, und blicke zur Kirche St. Marien, die im Film als düsterer Hintergrund diente. Auch die Heiligen-Geist-Kirche oder das Haus „Am Markt 23“ tragen noch Spuren jener expressionistischen Bilder, die Filmgeschichte geschrieben haben.
Was mich hier besonders fasziniert: Diese Kulissen sind keine künstlich geschaffenen Bühnen, sondern reale Straßenzüge, die seit Jahrhunderten bestehen – und dennoch durch den Film eine zweite, unheimliche Identität erhalten haben. Besucher laufen heute dieselben Wege wie einst der Vampir, und plötzlich kippt der Blick: Aus einer Hansestadt wird ein Horror-Set.
Medienwissenschaftler wie Giachetta sehen in solchen Orten ein Beispiel für „cinephile topography“ – Räume, die nicht nur architektonisch, sondern durch die Kamera aufgeladen sind. Wismar zeigt: Auch ohne große Umbauten können Städte selbst zu dauerhaften Filmkulissen werden, wenn sich die Bilder erst einmal ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.
Zwischen Illusion und Erinnerung
Von den wandelbaren Fassaden der Bavaria bis zu den Mauern von Querfurt, von Moritzburgs Märchenwelt bis zu Görlitz' Vielseitigkeit, von Berlins Verwandlungen bis zu Nosferatus Schatten in Wismar – jede Station zeigt eine andere Dimension von Kulissen.
Studios erschaffen reine Illusion, gebaut für die Kamera. Schlösser und Burgen verbinden historische Authentizität mit filmischer Überformung. Ganze Städte wie Görlitz oder Wismar beweisen, dass Realität selbst zur Kulisse werden kann – ob für bunte Fantasie oder düsteren Horror. Und Serien wie Babylon Berlin zeigen, dass Authentizität manchmal weniger in Mauern liegt, sondern im Gefühl, das ein Ort vermittelt.
Kulissen sind mehr als bloße Hintergründe. Sie prägen unsere Vorstellung von Geschichte, sie locken Touristen, sie sind kulturelle Marker. Und sie laden dazu ein, Realität mit anderen Augen zu sehen.
Als ich zuletzt durch die Gänge von Querfurt laufe, streiche ich über den Kamin aus Papier. Ich weiß, dass er nicht echt ist – und dennoch spüre ich das Kribbeln, als sei er es. Vielleicht ist das die wahre Magie der Kulisse: Sie lässt uns glauben.

