Filmindustrie lokal gedacht – Wie Drehorte Wirtschaft und Gemeinschaft stärken

Was bleibt, wenn die Kameras abgebaut sind? Filmproduktionen bringen nicht nur Glamour in eine Region – sie schaffen Arbeitsplätze, beleben Innenstädte und stiften Gemeinschaft. Der Beitrag zeigt, wie Dreharbeiten lokale Wirtschaft und Identität prägen können – und was internationale Studien über die nachhaltige Wirkung von Filmprojekten verraten.

Wenn ein Filmteam in einer Kleinstadt einzieht, verändert sich mehr als nur die Kulisse. Straßen werden gesperrt, Cafés füllen sich, Schilder werden überklebt – und für ein paar Tage wird aus Alltag Kino. Doch während Kameras und Darstellende irgendwann weiterziehen, bleibt etwas zurück: ein Gefühl, eine Erinnerung, manchmal sogar ein neuer Wirtschaftszweig. Filmproduktionen sind längst mehr als flüchtige Ereignisse. Sie prägen Regionen, beleben Innenstädte, schaffen Arbeit und verändern die Wahrnehmung eines Ortes – von innen wie von außen.

Film als Wirtschaftsfaktor

Filmdrehs bringen Bewegung in Regionen – ganz wörtlich. Hotels, Gaststätten, Handwerksbetriebe, Kutscher oder Transportunternehmen profitieren von Produktionen, die oft kurzfristig ganze Orte in Beschlag nehmen. Ein Beispiel: Schloss Moritzburg bei Dresden, bekannt als Drehort des DDR-Märchenfilms Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973). „Seitdem wir die Winterausstellung haben, ist im Winter Hochsaison", sagt Margitta Hensel, Museologin von Schlösserland Sachsen. Die Ausstellung zeigt seit 2008 Originalrequisiten und Kostüme aus dem Film. „Früher hatten wir im Winter kaum Besucher, heute sind die Kutschen ausgebucht und die Gaststätten voll."

Auch in Görlitz, das sich längst als „Görliwood" etabliert hat, ist dieser Effekt deutlich spürbar. Die Stadt an der Neiße diente bereits über 100 Filmproduktionen als Kulisse – darunter The Grand Budapest Hotel (2014) von Wes Anderson und Inglourious Basterds (2009) von Quentin Tarantino. „Als Wes Anderson hier drehte, war das eine Völkerwanderung in die Altstadt", erinnert sich Kerstin Gosewisch vom Filmbüro Görlitz. „Die Restaurants waren voll, die Leute spazierten durch die Gassen, in der Hoffnung, einen Prominenten zu sehen."

Weltweit bestätigen Studien diesen wirtschaftlichen Effekt: Laut einer Untersuchung des Tennessee Department of Economic and Community Development schuf die Film- und Fernsehindustrie dort zwischen 2007 und 2015 mehr als 4.000 Vollzeitstellen und generierte über 370 Millionen US-Dollar Wirtschaftsleistung. In den USA fließen an manchen Drehorten bis zu 1,3 Millionen Dollar pro Drehtag in lokale Wirtschaftskreisläufe – so die Motion Picture Association in ihrem Bericht von 2023. Auch eine Studie des Berkshire Film Commission Council aus Massachusetts zeigt: Pro eine Million US-Dollar Filmausgaben entstehen rund 13,5 Vollzeitäquivalente Jobs – besonders in Regionen, in denen die Filmbranche kein Dauerzustand ist, sondern eine willkommene Abwechslung.

Auf deutsche Verhältnisse übertragen bedeutet das: Wo Filmprojekte entstehen, entstehen temporäre Ökonomien. Sie füllen Nebensaisons, kurbeln Gastronomie und Beherbergung an – und bringen Geld, wo sonst Winterruhe herrschen würde.

Gemeinschaft und Identität

Doch ökonomische Gewinne sind nur die sichtbare Seite. Dreharbeiten verändern auch das soziale Klima eines Ortes. In Moritzburg erzählt Kutscher Bernd Haase, er freue sich über jeden Besucher: „Ohne die Ausstellung hätten wir hier von November bis März kaum Leute." Die Stimmung unter den Einheimischen sei positiv, man habe sich „arrangiert" und profitiere gemeinsam. Haase kutschiert Touristen in historischen Kutschen durch die verschneite Landschaft – ein Angebot, das ohne den Filmtourismus kaum rentabel wäre.

In Görlitz sind solche Haltungen fast Teil der Stadtidentität geworden. Gosewisch, Projektmanagerin im Filmbüro Görlitz, beschreibt, wie Filmdrehs dort eine besondere Haltung gefördert haben: „Regisseure loben seit den 1950er-Jahren die ‚Filmfreundlichkeit' der Einwohner. Das hat sich bis heute gehalten." Diese Filmfreundlichkeit ist mehr als Gastfreundschaft – sie stärkt das Gemeinschaftsgefühl, weil die Menschen sich als Teil eines größeren Projekts erleben.

Der Görlitzer Zeitzeuge Detlef Hausmann, der als Komparse in The Grand Budapest Hotel mitspielte, beschreibt das ähnlich: „Wir waren plötzlich alle Teil von etwas. Ich habe Leute kennengelernt, die ich heute noch grüße. Das hat uns als Stadt zusammengeschweißt." Hausmann, der ein Geschäft auf der Brüderstraße besitzt, stand mehrere Tage am Set und spielte einen Gast einer Trauerfeier – eine Erfahrung, die er als „magisch" beschreibt.

Solche Erfahrungen bestätigen, was kulturwissenschaftliche Studien betonen: Filmprojekte schaffen soziale Bindungen, weil sie gemeinsame Erlebnisse und neue Narrative erzeugen. Die australischen Sozialforscher Glen Croy und Robin Walker schreiben in ihrer Studie Rural Tourism and Film (2003), dass filminduzierter Tourismus oft „kollektive Erinnerung" stiftet und ein Gefühl regionaler Identität stärkt. Orte werden nicht nur besucht, sondern emotional aufgeladen – durch Geschichten, die der Film erzählt.

Zwischen Imagegewinn und nachhaltiger Wirkung

Was bleibt, wenn die Kameras abgebaut sind? Laut Gosewisch liegt der Schlüssel in Kommunikation und Kontinuität. „Wir haben gelernt, dass man auf Filmprojekte reagieren muss – mit Infrastruktur, Genehmigungen, einer App für Filmführungen. Das macht die Effekte nachhaltiger." In Görlitz gibt es mittlerweile eine eigene App, die Touristen zu Drehorten führt, sowie regelmäßige Stadtführungen unter dem Motto „Görliwood". Auch Schaufenster in der Altstadt zeigen Filmplakate und Requisiten.

Tatsächlich zeigen internationale Analysen, dass der wirtschaftliche Nutzen umso größer ist, je konsequenter lokale Institutionen – Tourismusbüros, Kommunen, Gastronomie – zusammenarbeiten. Die spanischen Tourismusforscher Alejandro Coria, María Sánchez und Ricardo Gómez kommen in ihrer Studie über nachhaltige Entwicklung im filminduzierten Tourismus (2022) zu dem Schluss: „Filmtourismus kann sowohl ökonomische als auch soziale Vorteile für Destinationen generieren – wenn er richtig umgesetzt wird."

Diese „richtige Umsetzung" hängt davon ab, ob Orte die Strahlkraft eines Films in langfristige Angebote übersetzen. In Görlitz geschieht das durch Führungen und Film-Schaufenster, in Moritzburg durch die Winterausstellung, die jährlich rund 120.000 Besucher anzieht. Beide Beispiele zeigen, dass Film nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern ein Standortfaktor sein kann – wenn die Region mitspielt.

Erzählte Orte – Gelebte Orte

Filme schaffen Orte neu – und mit ihnen entstehen neue Realitäten. Die Museologin Margitta Hensel spricht davon, dass man „Aschenbrödel nicht nur im Fernsehen, sondern auch vor Ort erleben" kann. Das zeigt eine Form von Authentizität, die nicht historisch, sondern emotional ist: Menschen reisen nicht nur zu einem Schloss, sondern zu einem Gefühl. Sie wollen die Treppe hinaufsteigen, auf der Libuše Šafránková als Aschenbrödel ihren Schuh verlor. Sie wollen durch den Schlosshof laufen, in dem Prinz und Jägerin sich begegneten. Film wird so zu einem sozialen Bindemittel – zwischen Orten, Menschen und Erinnerungen.

Dass dies funktioniert, bestätigt auch der südkoreanische Tourismusforscher Sangkyun Kim in einer Studie von 2019: Nostalgische Filme steigern nachweislich das Engagement und die Reiseabsichten der Zuschauer:innen. Tourismus, so Kim, basiere nicht nur auf Sehenswürdigkeiten, sondern auf „emotional attachment" – einer emotionalen Bindung, die Film erst schafft. Wer Drei Haselnüsse für Aschenbrödel als Kind gesehen hat, reist nicht als Tourist nach Moritzburg, sondern als Pilger in die eigene Kindheit.

So wird der Filmdreh zum Anfang einer Geschichte, die nach dem Abspann weitergeht. Zwischen Kamera und Kaffeetasse, zwischen Premiere und Parkplatz, zwischen Hollywood und Heimat.

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