Filmburg Querfurt – Die zeitlose Bühne für historische Filmwelten

In Die Päpstin brennen Kulissen, in Der Medicus bleibt die Kälte echt: Auf Burg Querfurt verschwimmen die Grenzen zwischen Filmwelt und Wirklichkeit. Ein Drehort, der Geschichte atmet – und sich mit jedem Film neu erfindet.

Zwischen dicken Mauern und stillen Innenhöfen liegt ein Ort, der Geschichte nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu erschafft. Burg Querfurt im Süden Sachsen-Anhalts ist eine der ältesten und größten Burgen Deutschlands – und zugleich eine der wandlungsfähigsten. Wo Jahrhunderte lang Burgherren residierten, entstehen heute filmische Welten: Orte der Macht, des Glaubens, der Magie. Kein anderes Gemäuer im Land hat sich so oft in fremde Zeiten verwandelt – und dabei doch so sehr es selbst geblieben.

Ein Ort mit vielen Gesichtern

Wer heute über den Burghof geht, spürt die Schichtung der Zeiten: romanische Bögen aus dem 11. Jahrhundert, gotische Fenster aus dem 14. Jahrhundert, barocke Fassaden aus dem 17. Jahrhundert. Genau diese architektonische Vielfalt macht Querfurt so begehrt für Filmproduktionen. Museumspädagogin Michelle Keilig sagt es schlicht: „Man braucht hier gar nicht viel verändern. Die Burg ist wandelbar genug."

Im Sonnenlicht wirkt die Burg freundlich. Der Sandstein schimmert hell, die Mauern tragen Spuren von Jahrhunderten, und über dem Burghof liegt die Ruhe eines Ortes, der zu wissen scheint, dass nichts hier ewig bleibt. Die Kamera allerdings sieht etwas anderes. In Die Päpstin (2009) – einem historischen Drama über Johanna, die sich als Mann verkleidet und zur Päpstin aufsteigt – verwandelt sich derselbe Platz in ein zerstörtes Dorf des 9. Jahrhunderts. Der Boden ist bedeckt von Matsch und Stroh, Rauch hängt in der Luft, Reiter preschen durchs Bild. Michelle Keilig erinnert sich: „Man hat damals wirklich den ganzen Boden vorbereitet, das Pflaster verdeckt, eine Häuserkulisse im Hintergrund aufgebaut – und dann angezündet. Das war alles echt." Die Kamera zeigt ein Schlachtfeld, während nur wenige Meter entfernt die Musikschule der Stadt liegt.

In der Realität spürt man das Gegenteil: kein Chaos, sondern Ordnung, kein Feuer, sondern Stille. Der Film zeigt eine Welt des Leidens, die Burg selbst strahlt Beharrlichkeit aus. Der Kontrast zwischen beiden Bildern – filmischer Zerstörung und realer Beständigkeit – macht den Reiz Burg Querfurts aus.

Selbst erstelltes Overlay-Video aus einem eigenen Bild und einer Szene aus Die Päpstin (2009), Regie: Sönke Wortmann. Rechte: © Constantin Film. Gestreamt über Amazon Prime.

Vom Kornhaus zum Seziersaal

Anders als in Die Päpstin musste für Der Medicus (2013) kaum etwas verändert werden. Der Film erzählt die Geschichte des englischen Waisenjungen Rob Cole, der im 11. Jahrhundert nach Persien reist, um bei dem berühmten Arzt Ibn Sina (Avicenna) Medizin zu studieren. Der Ottonenkeller der Burg Querfurt – ursprünglich ein mittelalterliches Lagerhaus – dient im Film als Seziersaal und Studienraum. Er trägt die Atmosphäre des Films bereits in sich. Kühl, feucht und von schwerer Stille durchzogen – genau so, wie er im Kino erscheint. „Man merkt es ja selbst – hier unten ist es wirklich so feucht und kalt", sagt Keilig. „Aber man hat alles heller gemacht, vor allem mit künstlichem Licht, damit es filmisch funktioniert."

Szene aus Der Medicus (2013), Regie: Philipp Stölzl. Rechte: © UFA Fiction / Beta Cinema / Universal Pictures. Gestreamt über Amazon Prime.

Trotz der notwendigen Beleuchtung bleibt die Stimmung dieselbe. Die rauen Steinwände, das gedämpfte Echo der Schritte, die Kälte in der Luft – all das ist keine filmische Erfindung, sondern reale Erfahrung. Wer den Raum betritt, fühlt sich sofort in die Szenen zurückversetzt. Der Medicus hat die Szenerie nicht verfälscht, sondern eingefangen – und die physische Präsenz des Ortes zu seiner eigentlichen Hauptdarstellerin gemacht.

Ähnlich nutzt Jorinde und Joringel (2011) – ein Märchenfilm nach den Brüdern Grimm über eine Hexe, die junge Frauen in Vögel verwandelt – die Gewölbe der Burg: Für die düsteren Szenen im Verlies oder in der Hexenkammer wurden keine aufwendigen Kulissen errichtet. Das vorhandene Mauerwerk, die Schatten, die feuchte Luft – alles wirkt wie geschaffen für die Geschichte. Auch hier greift der Film kaum ein, sondern lässt die Räume selbst erzählen. Das Reale wird nicht verwandelt, sondern sichtbar gemacht – als natürliche Bühne für das Fantastische.

Szene aus Jorinde & Joringel (2010), Regie: Sherry Hormann. Rechte: © Provobis Film / ZDF. Gestreamt über ARD Mediathek.

Die Burg im Schnitt

Nach dieser Nähe von Film und Wirklichkeit zeigt sich in anderen Produktionen, wie beides ineinandergreifen kann. Burg Querfurt ist nicht nur authentisch oder inszeniert – sie ist beides zugleich. Manchmal entsteht die filmische Illusion gerade aus der Kombination realer Architektur und kreativer Montage. So auch beim Format Galileo – Can You Survive History? (2023): Wo der „Dicke Heinrich" – ein massiver Rundturm aus dem 12. Jahrhundert – im Film als imposanter Unterschlupf erscheint, ist er in Wahrheit hohl. Für die Produktion verband man Außenaufnahmen des Turms mit Treppen aus dem Fürstenhaus, sodass der Eindruck einer durchgehenden Bewegung entstand. „Im Fernsehen sieht es aus, als würde jemand im Turm hochlaufen", erklärt Keilig, „aber in Wirklichkeit ist das eine ganz andere Ecke der Burg. Das ist gar nicht möglich, da der Turm innen hohl und ab einer gewissen Etage nicht mehr begehbar ist."

Szenen auf der Burg Querfurt aus Galileo – Can You Survive History? (2023), Produktion: ProSieben / Redseven Entertainment. Rechte: © ProSiebenSat.1 Media SE. Gestreamt über Joyn.

Die Montage wird so zum Werkzeug, das Wirklichkeit und Fiktion miteinander verknüpft. Zwei Schauplätze, die in der Realität weit auseinanderliegen, erscheinen im Film als ein einziger Raum – glaubwürdig, geschlossen, selbstverständlich. Der Zuschauer erkennt die Täuschung nicht, weil sie auf Vertrautem beruht: echte Mauern, echtes Licht, echte Perspektiven. Gerade dadurch lebt der reale Ort im Film weiter, nur neu geordnet und mit einer anderen Bedeutung versehen.

Wenn Märchen und Mittelalter aufeinandertreffen

Kaum ein anderer Ort wird so konsequent für historische Stoffe genutzt – und doch zeigt jede Produktion eine andere Facette dieser Kulisse.

In Die zertanzten Schuhe (2011) – einem Märchenfilm über zwölf Prinzessinnen, die nachts heimlich tanzen gehen – wurde der Burggraben zu einem nächtlichen Garten voller Geheimnisse. Heute ist er überwuchert, kaum wiederzuerkennen. Wo einst zwölf Prinzessinnen tanzten, wächst nun Gras über die Spuren. Nur wer die Szene kennt, erkennt im Schatten der Mauern das Echo der Bewegung.

Setaufnahme von Die zertanzten Schuhe (2011), Regie: Wolfgang Eißler. © Provobis Film / ZDF. Aufnahmeort: Burg Querfurt. Quelle: Museum Burg Querfurt / Landkreis Saalekreis.

Auch in Die sechs Schwäne (2012) – einem Märchen über eine Prinzessin, die ihre in Schwäne verwandelten Brüder retten muss – wurde die Burg zur Bühne: Die Treppe in der Nordostbastion, eigens für den Dreh errichtet, ist bis heute erhalten – ein Relikt aus der Filmhandlung, das sich erstaunlich harmonisch in die historische Architektur eingefügt hat.

Selbst erstelltes Overlay-Video aus einem eigenen Bild und einer Szene aus Die sechs Schwäne (2012), Regie: Karola Hattop. Rechte: © Provobis Film / ZDF. Gestreamt über ZDF Mediathek.

Ganz anders, doch ebenso eindrücklich, nutzt Der Räuber Hotzenplotz (2006) die Burg: Der Turm, an dessen Mauer der Räuber im Film hinabklettert, steht noch immer, ebenso wie einige der hölzernen Türen und das nachgebaute Gefängnis. Diese Requisiten, einst bloße Kulisse, sind inzwischen Teil der Filmführung geworden – Erinnerungsstücke einer filmischen Welt, die sich mit der realen Burg verbunden hat.

Selbst erstelltes Overlay-Video aus einem eigenen Bild und einer Szene aus Der Räuber Hotzenplotz (2006), Regie: Gernot Roll. Rechte: © Constantin Film. Gestreamt über Amazon Prime.

Querfurt spielt jede Rolle – von der verzauberten Festung bis zur glaubwürdigen Kulisse für Anderthalb Ritter (2008), eine Komödie über einen Ritter, der sein Königreich retten muss. Til Schweiger ritt damals durch das Westtor, das heute Besucher:innen als Haupteingang dient. Aus Perspektive der Kamera öffnet es sich auf ein mittelalterliches Königreich; in Wirklichkeit führt es zurück in die Stadt Querfurt.

Diese Dopplung aus realer Orientierung und filmischer Entgrenzung macht die Faszination des Ortes aus. Der Weg, den Filmfiguren beschreiten, existiert – nur führt er in eine andere Richtung.

Setaufnahmen von 1½ Ritter – Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde (2008), Regie: Til Schweiger. © Barefoot Films / Warner Bros. Entertainment. Aufnahmeort: Burg Querfurt. Quelle: Museum Burg Querfurt / Landkreis Saalekreis.

Zwischen Filmillusion und steinerner Wirklichkeit

Was auf der Leinwand so eindrucksvoll wirkt, hat in Querfurt einen realen Ursprung – doch das Spiel mit Licht und Perspektive verleiht der alten Substanz immer wieder neue Bedeutung. Der Film nutzt die Struktur der Burg, aber er verändert ihre Stimmung. Wo der Besucher mittags in warmes Sonnenlicht tritt, herrscht auf der Leinwand graues Zwielicht; wo in Wirklichkeit ein Museumsschild hängt, verdeckt der Film es mit einem hölzernen Kreuz.

Doch manchmal treffen beide Welten überraschend genau aufeinander. Die romanischen Bögen des Ottonenkellers oder die dicke Mauer des „Dicken Heinrich" wirken im Film ebenso authentisch wie in der Realität – hier braucht es keine Illusion. Die amerikanische Filmtheoretikerin Vivian Sobchack beschreibt in ihrem Werk The Address of the Eye (1992) solche Momente als „verkörpertes Sehen": Der Zuschauer fühlt die physische Präsenz eines Ortes, selbst wenn er ihn nie betreten hat. Sobchack argumentiert, dass Film nicht nur visuell, sondern auch körperlich erfahren wird – durch die Materialität der Bilder. Burg Querfurt funktioniert so – durch Materialität, nicht durch Mythos.

Im Film scheint man den Staub zu riechen, den Stein zu spüren. Wer später durch denselben Raum geht, erkennt: Das Gefühl war echt, auch wenn das Bild nur über die Leinwand transportiert wurde.

Ein Ort zwischen Dauer und Wandel

Die Burg erzählt ihre Geschichte in Schichten. Unter jedem Film liegt ein anderer. Ein mittelalterlicher Torbogen wird zum Märchenportal, ein Keller zum Labor, ein Turm zur Falle. Die Kamera schreibt über die Geschichte hinweg, ohne sie zu löschen. Der deutsche Kulturwissenschaftler Andreas Huyssen spricht in seinem Buch Present Pasts (2003) von einem „palimpsest of place" – einem Ort, dessen Identität immer wieder überschrieben wird, ohne sie zu verlieren. Ein Palimpsest ist ursprünglich ein Pergament, das mehrfach beschrieben wurde, wobei ältere Schichten noch durchscheinen. Genau so funktioniert Burg Querfurt: Jede Filmproduktion fügt eine neue Schicht hinzu, ohne die vorherigen zu löschen.

Vielleicht ist es genau das, was Burg Querfurt so besonders macht: Sie wird Teil der Fiktion, aber nie ganz Teil der Lüge. Sie lässt Fiktion zu, ohne ihre Wirklichkeit aufzugeben. Zwischen Geschichte und Inszenierung entsteht ein Dialog, der die Besucher noch lange begleitet – auf der Leinwand wie auf dem Burghof.

Die Wahrheit der Mauern

Burg Querfurt ist kein bloßes Filmset, sondern eine Bühne, auf der Geschichte lebendig bleibt. Ihre Räume tragen Spuren von Jahrhunderten und Szenen zugleich. Wer sie besucht, erkennt: Film und Realität schließen sich hier nicht aus. Sie ergänzen sich – wie Licht und Schatten, Stein und Projektion.

Querfurt hat gezeigt, dass filmische Welten auf unterschiedliche Weise entstehen können. Manchmal verwandelt sich der Ort völlig – wie in Die Päpstin, wo Feuer und Kulissen eine eigene Wirklichkeit schaffen. Manchmal spiegelt der Film genau das, was wirklich ist – wie in Der Medicus, dessen Kälte und Stille der Realität im Ottonenkeller entsprechen. Und dann gibt es die Momente dazwischen, in denen beides verschmilzt: wenn Kamera und Montage Räume verbinden, die in Wahrheit getrennt sind, und daraus ein neues Ganzes entsteht.

So bleibt die Burg in Bewegung, selbst wenn ihre Mauern stillstehen. Die Zeit verändert sie – Bewuchs verdeckt alte Drehorte, Requisiten werden zu Ausstellungsstücken, Erinnerungen verblassen. Doch in all dem Wandel liegt Kontinuität: Jeder Film schreibt eine weitere Schicht in das Gedächtnis des Ortes.

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