
Ein verregneter Mittwoch in Berlin: Der Himmel grau, der Asphalt glänzend nass. Im schummrigen Licht des Büros von Location Networx in der Bautzener Straße spricht Roland Gerhardt über Orte, Atmosphäre – und über das unsichtbare Rückgrat jeder Filmproduktion: stimmige Settings.
Roland Gerhardt ist seit 1999 als Locationscout tätig und seit 2000 geschäftsführender Gesellschafter von Location Networx | motivagentur.de in Berlin.
Seine Laufbahn reicht zurück in die frühen 1990er Jahre, und nach Stationen als Setaufnahmeleiterassistent und Motivaufnahmelieter bringt er heute nicht nur ein geschultes Auge, sondern auch einen reichen Erfahrungsschatz mit.
Location Networx versteht sich als Agentur für Locationsuche, -vermittlung sowie Produktionsbetreuung vor Ort. Unter Gerhardts Mitwirkung betreut das Team deutschlandweit Film-, Fernseh- und Werbeprojekte mit dem Anspruch, kreative Orte zu entdecken und organisatorisch bis ins Detail zu realisieren.
Neben seiner Tätigkeit bei Location Networx hat Gerhardt sich auch öffentlich engagiert: Er ist Vorsitzender des Bundesverbands Locationscouts (BVL) und zählt zu den Initiatoren der ersten Qualifizierungskurse für Locationscouts in Deutschland.
Außerdem war er Dozent und Vortragender in Aus- und Weiterbildungen rund um das Thema Location Scouting.
In unserem Gespräch erzählt Gerhardt mit ruhiger Präzision und einer spürbaren Leidenschaft für sein Handwerk von den Feinheiten seiner Arbeit. Er beschreibt, wie sich seine Perspektive auf Orte ständig verändert – wie Drehbücher vertraute Plätze in völlig neuem Licht erscheinen lassen. Zwischen praktischen Erwägungen, kreativer Intuition und der stetigen Suche nach Authentizität offenbart sich ein Berufsfeld, das gleichermaßen von logistischer Genauigkeit wie von emotionalem Gespür lebt. Wenn Gerhardt über „perfekte Drehorte“ spricht, meint er keine makellosen Kulissen, sondern Räume, die Geschichten atmen – und Menschen, die bereit sind, sie zu erzählen.
Shiva Daume: Starten wir mit einer lockeren Frage: Wie bist du Locationscout geworden?
Roland Gerhardt: Ich habe 1991 mal einen ersten Job beim Film gemacht – einfach nur, weil die Gelegenheit sich ergab. Und habe dann gemerkt, dass die Arbeit am Set eigentlich nichts für mich ist. Ich habe dann aber mit der Szenenbildnerin gesprochen und sie sagte mir: „Es gibt ja auch Leute, die als externe Dienstleister für den Film arbeiten und es wird zukünftig bestimmt Leute geben, die Drehorte für Filme suchen.“ Das gab es damals nämlich noch nicht beziehungsweise das ging gerade erst los. Ich fand diese Idee total spannend und habe dann neun Jahre gebraucht, um mich dazu zu entscheiden, das sein zu wollen. Ich habe dann zwei Wochen rumtelefoniert und dann meinen ersten Job gehabt.
Shiva Daume: Was war das denn für ein erster Job? Für wen hast du da gearbeitet beziehungsweise um welche Produktion ging es da?
Roland Gerhardt: Das war für einen Spielfilm, dessen Namen ich gar nicht erinnere. Für diesen wurden in Düsseldorf Locations gesucht. Und in Düsseldorf gab es damals keinen Locationscout, ich wohnte aber zu diesem Zeitpunkt noch dort. Ich zog dann aber ziemlich bald wieder nach Berlin zurück und mein erster Spielfilm, den ich alleine in Berlin gescoutet habe, war Kalt ist der Abendhauch. War leider nicht so ein Erfolg. (lacht)
Shiva Daume: Aber unabhängig vom Erfolg – du bist ja dann in Berlin als Locationscout richtig eingestiegen. Bedeutet das, dass du während der Dreharbeiten selbst gar nicht mehr am Set bist?
Roland Gerhardt: Nein, wenn ich am Set bin, dann ist etwas schiefgelaufen. In der Regel sollte ich fertig sein, bevor der Dreh überhaupt beginnt. Also normalerweise arbeitet ein Locationscout im Vorfeld – sodass insbesondere für das Art Department, also das Team des Szenenbildners oder der Szenenbildnerin, noch genug Zeit ist, die ganzen Sets vorzubereiten. Es müssen Zeichnungen angefertigt, Einbauten gemacht, Requisiten besorgt und das Set eingerichtet und abgenommen werden. Dafür braucht das Team mehrere Wochen Zeit. Das heißt, wenn alles richtig gelaufen ist, dann bin ich ungefähr zwei Monate vor Drehbeginn fertig mit meiner Arbeit.
Shiva Daume: Klar, das klingt logisch. Und wenn wir jetzt schon ein bisschen davon sprechen: Wie läuft denn eine Suche nach einem Drehort typischerweise ab – von der ersten Idee, der ersten Anfrage, bis hin zum Abschluss deiner Arbeit?
Roland Gerhardt: Das hängt davon ab, was es für eine Produktion ist. Ich arbeite meistens für fiktionale Produktionen – also für Kinofilme, Fernsehfilme oder für Streaming-Produkte in Form von Filmen oder Serien. Da ist der Ablauf immer ähnlich. Der ganze Ablauf beginnt üblicherweise mit einem Drehbuch, welches eine Filmproduktion mir zukommen lässt. Dann gibt es, wenn ich das Drehbuch gelesen habe, in der Regel eine Besprechung mit Szenenbild, idealerweise auch mit Regie, Kamera und Produktion. Hier setzt man sich dann mal zusammen und überlegt, was das visuelle Konzept des Films ist – wie soll das eigentlich aussehen und in welcher Welt bewegen wir uns da? Anschließend wird es immer kleinteiliger. Wenn das einmal festgelegt ist, fängt man an sich über die einzelnen Motive zu unterhalten – wie sehen die denn aus und wie sollen die denn sein? Zum Beispiel das Haus, in dem unsere Hauptfigur wohnt. Ist das groß, ist das klein? Ist das ein Altbau, ist das ein Neubau? Was hat es für eine Farbigkeit?
Das ist das eine: dass man die künstlerischen Parameter mit den Kreativabteilungsleitern festlegt.
Das andere sind aber natürlich auch logistische Parameter, die wir einhalten müssen.
Je nachdem was für eine Filmförderung da am Ort ist, was bei Kinofilmen immer der Fall ist. Beim Fernsehen ist das schon seltener. Dementsprechend muss man dann auch noch berücksichtigen welche Filmförderung involviert ist und ob diese zum Beispiel vorgibt, dass man eine gewisse Anzahl an Drehtagen beispielsweise in Nordrhein-Westfalen drehen muss. Das gibt es durchaus und dann muss man anfangen sich Gedanken darüber zu machen, wie das sinnvoll auf die verschiedenen Bundesländer aufgeteilt werden kann, in denen man dreht. Dabei geht es zum einen darum, was man wo finden kann. Zum anderen geht es um logistische Dinge: Was hat wie viele Drehtage und was ist wo im Drehplan am besten untergebracht?
Shiva Daume: Es spielen also mehrere Komponenten bei der Suche nach einem Drehort eine Rolle, unter anderem logistisch, emotional und visuell.
Roland Gerhardt: Genau. Das ist so der Erfahrungsschatz, den ein Locationscout, der das über mehrere Jahre macht, sammelt. Dass er eben schon ein Gefühl dafür hat, die Produktionen im Vorfeld auch zu beraten. Dass man auch mal sagt: „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, dieses Motiv in Leipzig zu suchen. Das werden wir wahrscheinlich in Leipzig nicht finden, sondern eher in Köln“. Dann kann sich die Produktion im Vorfeld bei der Vorbereitung schon Geld sparen. So schickt man keine Leute los um Dinge suchen, die es dort gar nicht gibt oder bei welchen man starke Anpassungen vornehmen müsste.
Shiva Daume: Heißt: Gibt es einen Katalog oder eine Art Archiv, in welchem verschiedene Motive aufgelistet sind? Oder wie wird beispielsweise nach neuen Motiven gesucht?
Roland Gerhardt: Beides.
(zeigt mir die Software auf seinem Computer)
Wir haben natürlich eine Datenbank – eine selbstgeschriebene Anwendung. Diese hat den großen Vorteil, dass sie die Daten, die wir brauchen und unsere selbstgemachten Bilder miteinander verbindet.
Shiva Daume: Dass man es sich gleich noch einmal vor Augen führen kann.
Roland Gerhardt: Genau und jetzt kann ich, ähnlich wie in einer Suchmaschine im Internet, in dieser Offline-Datenbank suchen. Ich gebe jetzt zum Beispiel „Wohnung, kitsch“ ein und kriege dann eine gewisse Auswahl. Wenn mir etwas gefällt, dann kann ich mir das genauer anschauen.
Shiva Daume: Dann kann man sich das alles nochmal anschauen und die Möglichkeiten durchgehen.
Roland Gerhardt: Genau und das ist eben meistens der Anfang der Recherche. Man schaut erstmal: Was haben wir denn? Was gibt es denn im Angebot? Je nachdem, was man braucht und wo man es braucht, muss man dann eben neue Sache suchen. Wie man diese sucht, hängt sehr davon ab, was man sucht. Viele Sachen sind sehr einfach zugänglich und können im Internet recherchiert werden. Dann ruft man an oder schreibt eine Mail und kriegt schnell raus, ob man sich mit denen einigen würde oder nicht. Da ist die erste Frage: Würden die dort überhaupt drehen lassen oder nicht? Wenn nicht, warum würden sie nicht drehen lassen? Kann man gegen die Gründe etwas tun? Und die andere Frage ist: Wird man sich finanziell einig? Das ist eine Frage, die tatsächlich immer wichtiger wird. In den 90er Jahren waren die Motivmieten noch marginal, aber jetzt sind sie verdammt teuer geworden. Das ist ein richtiger Faktor mittlerweile und es kommt tatsächlich immer wieder vor, dass es nicht möglich ist bestimmte Sachen zu drehen, weil die Motivmiete einfach zu teuer ist.
Shiva Daume: Das ist also ein Aspekt, der sich in den Jahren geändert hat.
Roland Gerhardt: Genau.
Shiva Daume: Das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das eine immer größer werdende Rolle bei Produktionen spielt. Wer ist denn, gemeinsam mit dir, an dem Prozess beteiligt? Mit wem gehst du Hand in Hand bei deiner Arbeit?
Roland Gerhardt: Die wichtigste Ansprechperson bei fiktionalen Projekten ist eigentlich immer der Szenenbildner oder die Szenenbildnerin.
Shiva Daume: Sind diese Personen dann auch vor Ort dabei, wenn du die Motive besichtigst, und schauen sich das mit dir gemeinsam an?
Roland Gerhardt: Das verläuft in mehreren Runden. Meistens schaue ich erst einmal allein. Dann gibt es oftmals eine zweite Runde, bei der ich dann mit dem Szenenbildner oder der Szenenbildnerin die Orte vorbesichtige. Anschließend gibt es eine Motivtour in einer etwas größeren Runde. Da sind dann Regie, Kamera, Produktion, Szenenbild, vielleicht ein Aufnahmeleiter und ich dabei. Wir arbeiten auch für Werbeproduktionen – da funktioniert es nochmal etwas anders. Hier gibt es mehr Leute, die Entscheidungen treffen und zusätzlich eine Werbeagentur, die die letzte Entscheidung trifft. Hier ist wiederum der Producer der Dreh- und Angelpunkt, der das auf Seiten der Filmproduktion alles handled. Der Kontakt zum Szenenbildner läuft hier normalerweise nur über den Producer.
Wenn ich am Set bin, dann ist etwas schiefgelaufen.
Shiva Daume: Was würdest du sagen: Wie wichtig ist die Authentizität eines Ortes – geografisch, historisch, kulturell? Spielt hier Inszenierung eine große Rolle?
Roland Gerhardt: Das kommt sehr darauf an. Zum Beispiel, wenn etwas gedreht wird, das auf realen Begebenheiten basiert, eine Biografie. Die ist glücklicherweise historisch, weil das normalerweise nicht heute passiert, was wir dort erzählen. Da ist es natürlich schön, wenn es die Originalorte, an denen Dinge passiert sind, noch gibt und wenn sie möglichst wenig verändert worden sind. Das ist immer das erste, was man bei „Biopics“, biografischen Spielfilmen, schaut. Ob es diese Orte noch gibt, ob die Orte zugänglich sind, ob man da theoretisch drehen könnte.
Ich mache so etwas gerade wieder. Ich habe angefangen für einen biografischen Spielfilm zu suchen und da sind jetzt genau diese ersten Schritte mal die Originaldrehorte abzuklappern. Würden die dort überhaupt drehen lassen? Sind die offen dafür? Und dann muss man dorthin und schauen, wie sehr sich die Orte verändert haben und ob man die Veränderungen kaschieren kann. Da gibt es mehrere Möglichkeiten: zum einen, kann man etwas vor- beziehungsweise umbauen. Beispielsweise wenn eine Wand umgestrichen wurde, könnte man diese Wand wieder in der ursprünglichen Farbe streichen oder etwas davor bauen, das ein ähnliches Dekor hat, wie die Wand zuvor. Wenn die Veränderungen zu tiefgreifend, zu kompliziert sind oder man dort nichts anfassen darf, dann gibt es auch die Möglichkeit per Videonachbearbeitung die Bilder digital zu verändern.
Shiva Daume: Genau, daran hatte ich auch gedacht. Damit möchte ich mich auch beschäftigen: Wie „echt“ ist denn ein Ort in Filmen dann überhaupt noch?
Was mich noch interessieren würde: Wie entwickelt sich deine Perspektive auf einen Ort im Laufe eines Scoutings? Was geht während des Prozesses in deinem Kopf vor?
Roland Gerhardt: Es ist spannend, dass jedes Drehbuch einen dazu bringt Orte, die man schon kennt, aus einer anderen Perspektive zu sehen. Je nachdem in welche historische Epoche man gerade eintaucht, muss man die Dinge immer wieder ganz neu betrachten und herausfiltern, was gut ist und was stört.
Ich merke, dass es solche Perspektivveränderungen gegenüber den Locations stärker bei den Menschen gibt, die dort drehen. Sie kommen wesentlich öfter an die Orte als ich, ich komme üblicherweise nur zwei bis drei Mal an die Orte, bevor er ausgesucht wird. In dem Moment, in dem er ausgesucht wird, bin ich eigentlich raus. Interessant ist es oftmals die Orte dann später im Film zu sehen und festzustellen „Ach, das wurde so gelöst. Wir haben noch so darüber gesprochen, haben sie jetzt doch anders gemacht“. Das sind dann interessante Momente. Was ich öfter von Regisseuren, Kameraleuten und Szenenbildnern höre, ist, dass sie erst einmal mit dem Ort gefremdelt haben und es eine Weile gedauert hat, bis sie sich angefreundet haben. Aber dann fand man es total toll und auch im Film sehr passend. Das ist das, was ich hin und wieder mal höre. Umgekehrt habe ich es interessanterweise noch nicht gehört, aber das traut man sich dann wahrscheinlich nicht. (lacht)
Shiva Daume: Wahrscheinlich, ja. (lacht) Wenn du jetzt gerade davon gesprochen hast, dass man sich oftmals in verschiedenen Genres und historischen Epochen bewegt – gibt es einen Ort, der sehr facettenreich war? Der also gleichermaßen gut für verschiedene Epochen funktioniert hat.
Roland Gerhardt: Oha. (lacht)
Shiva Daume: Wenn dir jetzt keiner einfällt, ist das natürlich auch völlig in Ordnung. Aber das ist irgendwie etwas, was mich interessiert hat.
Roland Gerhardt: Es gibt natürlich ein paar Orte, die prädestiniert dafür sind Drehorte zu sein und die auch teilweise über die Jahrzehnte immer wieder genommen wurden – oftmals auch für sehr unterschiedliche Dinge. Es gibt zum Beispiel das alte DDR-Funkhaus in Berlin in der Nalepastraße in Oberschöneweide. Das ist ein Haus, welches nachdem es den Rundfunk der DDR nicht mehr gab, an einen israelischen Investor verkauft wurde, der nicht so richtig eine Ahnung hatte, was er damit machen will. Da ist dann super viel gedreht worden. Zu dieser Zeit, Anfang der 2000er bis 2010/12, sind viele historische Filme gedreht worden, die zur DDR-Zeit spielen. Da das ein Ort war, der aus dieser Zeit noch größtenteils unverändert bestand, wurde hier Fernsehen und Film hoch und runter gedreht. Ein anderes Beispiel wäre der Nord-Süd-Tunnel unter dem Tiergarten in Berlin. Kurz bevor er fertiggestellt worden ist, wurde er zum Drehort für Die Bourne Verschwörung. Dieser sollte dann aber in Moskau sein. Moskau wurde damals vollständig in Berlin gedreht, es ist kein Originalmaterial in Moskau gedreht worden. Das wurde alles hier in Berlin zusammengesteckt. Der Tunnel ist aber natürlich auch immer wieder als das gedreht worden, was er heute ist – eine wichtige Verkehrsverbindung in Berlin.


Shiva Daume: Es gibt also Motive, die immer gut beziehungsweise öfter gut funktionieren als andere. Gibt es auch Orte, an denen es schwierig ist überhaupt etwas passendes zu finden?
Roland Gerhardt: Das kommt eigentlich immer wieder vor. Als ich das noch nicht so lange gemacht habe, dachte ich immer, wenn ich etwas nicht finde, habe ich versagt als Locationscout. Und irgendwann ist mir dann klar geworden, dass die Produktionen auch wissen, dass man nicht alles finden kann, was im Drehbuch steht. Wenn man es nicht findet, ist dann eher die Frage, wie man damit umgeht. Ich habe zum Beispiel mal für einen Fernsehfilm zwei Balkone suchen sollen. Ein Haus davon sollte ein Neubau und das andere ein Altbau sein. Die Balkone sollten nun so sein, dass ein Kind gefahrlos von dem einen Balkon auf den anderen hinüberklettern konnte. So stand das im Drehbuch und wir haben nicht geglaubt, dass wir das finden können. Genau so haben wir es dann leider auch nicht gefunden, aber dann war die Frage, wie wir damit umgehen. Was kann man an der Aufgabenstellung ändern, um das Problem lösbar zu machen? In diesem Fall war das einfachste, das an der Aufgabenstellung verändert werden konnte, von dem „Neubau neben Altbau“-Gedanke wegzukommen. Weil wenn man einen Neubau neben einem Neubau hat oder einen Altbau neben einem Altbau, gibt es oftmals Balkone, die näher beieinander sind. Durch die unterschiedlichen Geschosshöhen von Neubau und Altbau hat man oftmals einen Versatz, damit eben ein Kind gerade nicht mehr hinüberklettern kann. Bei anderen Dingen ist es anders. Grundsätzlich sollte man sich fragen: Kann man etwas im Drehbuch verändern, um es funktionieren zu lassen? Kann man etwas an dem Drehort verändern? Sprich kann das Art Department etwas hinbauen, um das Merkmal, das dort fehlt zu ergänzen? Kann man das hinterher in der Videonachbearbeitung durch eine digitale Bildbearbeitung machen? Oder muss man es woanders suchen, als man es bisher gesucht hat? Möglicherweise war es vielleicht keine gute Idee einen italienischen Renaissance-Palast in Berlin zu suchen und in Florenz wäre es ganz einfach gewesen.
Jedes Drehbuch bringt einen dazu, Orte, die man schon kennt, aus einer anderen Perspektive zu sehen.
Shiva Daume: Das heißt: Was wäre für dich ein perfekter Drehort? Ein Ort, der alle zufriedenstellt und alle Anforderungen aus dem Drehbuch erfüllt? Was spielt noch alles eine Rolle, um am Ende einen durch und durch stimmigen Drehort zu haben?
Roland Gerhardt: Ein durch und durch stimmiger Drehort ist erst einmal einer, der die Vorgaben des Drehbuches erfüllt und den Vorstellungen von Regie, Kamera und Szenenbild entspricht. Es ist ein Ort, der ein angenehmes Arbeiten daneben möglich macht. Das heißt, dass er groß genug ist und logistisch gut genug erschlossen, um ein Team dorthin zu schicken und es dort arbeiten zu lassen. Außerdem muss er von der Motivmiete noch so moderat sein, dass der Produktionsleiter auch zufrieden ist.

Shiva Daume: Ich würde jetzt gerne noch auf die Entwicklung deines Jobs eingehen. Wie hat sich dein Job in den letzten 10-15 Jahren verändert? Hat beispielsweise auch Social Media oder das Internet generell eine besondere Rolle gespielt?
Roland Gerhardt: Das Internet hat sich sehr stark verändert und dadurch eben auch unser Beruf. Das Internet ist für uns die wichtigste Rechercheplattform. Dadurch, dass sich die Menschen sehr gut an die rechtlichen Vorgaben in Deutschland halten, können im Internet die Kontakte von Orten sehr gut herausgefunden werden. Das war früher teilweise etwas komplizierter.
Im Internet ist es nur mittlerweile so, dass es eine große Anzahl an Abmahnanwälten gibt, die sich mit nichts anderem beschäftigen, als zu überprüfen, ob Internetseiten den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Wenn sie das nicht tun, werden dort hohe Abmahngebühren eingetrieben. Dadurch ist die Vorsicht bei den Internetseitenbetreibern so groß geworden, etwas falsch zu machen, dass die Seiten nicht mehr so viel Content beinhalten. Insbesondere nicht mehr so viele Bilder und das ist für uns ein echtes Problem. Teilweise werden die Bilder aufgrund ungeklärter Bilderechte heruntergenommen, teilweise aber auch deswegen, weil die Copyright-Inhaber nicht möchten, dass KI’s mit ihren Bildern lernen. Das hat wiederum zur Folge, dass es viel schwierig geworden ist, Bilder im Internet zu finden – vor allem von Dingen, bei denen es nicht so offensichtlich ist. Ich hatte letzte Woche eine Recherche zu fensterlosen Betongängen und das ist etwas, was man natürlich nicht von außen sehen kann. Diese Gänge sind normalerweise unterirdisch. Ich habe also festgestellt, dass es ganz wenige Bilder von gibt. Somit ist die Sucher über eine Bildsuche deutlich schwieriger geworden. Ein anderes Problem ist, dass man möglicherweise Dinge findet, die gut passen könnten und dann feststellen muss, dass es KI-generierte Bilder sind.
Wenn ich jetzt nur ein Bild finde von etwas, das ich toll finde, es aber keine weiteren Informationen dazu gibt, dann ist der nächste Schritt eine erneute Bildersuche. Dann bekomme ich ähnliche Bilder und es stellt sich normalerweise schnell heraus, ob es dieses Bild noch einmal mit einem Metatext gibt. Wenn nicht, dann sieht man, das dieses Bild aus einem anderen entstanden ist und es ist klar, dass damit gearbeitet wurde. Die KI-generierten Bilder werden ja immer besser aber gerade bei den älteren gibt es oftmals einige verräterische Details, auf die man achten kann. Es lohnt sich aber kaum sich das zu merken, weil die Entwicklung so schnell voranschreiten wird, dass das nicht mehr lange relevant sein wird.
Shiva Daume: Gibt es etwas, das dir bei deinen bisherigen Aufträgen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Roland Gerhardt: Das ist lustig. Das wird in Interviews grundsätzlich gefragt und ich nehme mir jedes Mal vor mir meine letzte gute Anekdote zu merken. Das klappt aber nie. (lacht)
Es sind so viele kleine Geschichten, aber das rauscht oftmals auch ein bisschen durch. Es sind so viele verschiedene Orte, die man so sieht. Oftmals ist es mehr atmosphärischer Natur, dass man so unterschiedliche Menschen trifft. Ich habe vom Bauarbeiter bis zum Generaldirektor mit allen Leuten zu tun. Es gibt dann immer wieder Menschen, die einen überraschen und man sich denkt: „Das war jetzt wirklich ein netter Nachmittag. Man könnte schlechtere Jobs haben“.
Während draußen der Regen weiter gegen die Scheiben prasselt, wird klar: Roland Gerhardts Arbeit ist mehr als das Aufspüren schöner Orte. Es ist die Suche nach Räumen, die Erzählungen tragen – und nach Momenten, in denen Realität und Fiktion sich berühren. Sein Blick auf Städte und Landschaften ist analytisch und zugleich poetisch. Vielleicht erklärt genau diese Mischung, warum Location Scouting heute als eigene Kunstform gilt.

