
Im sächsischen Moritzburg beginnt die Hochsaison nicht im Sommer, sondern mit dem ersten Advent: Von Ende November bis Februar zieht die Winterausstellung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ jedes Jahr weit über 100.000 Menschen ins barocke Schloss. Der Märchenfilm von 1973, an dessen Treppe Aschenbrödel ihren Schuh verlor, hat damit nicht nur einen touristischen Höhepunkt im Winter geschaffen, sondern auch konkrete wirtschaftliche Effekte: Gastronomie, Kutschbetriebe und sogar die örtliche Infrastruktur profitieren von den Besucherströmen außerhalb der regulären Saison. Für Schloss und Region bedeutet das neue Einnahmen, zusätzliche Arbeitskräfte und erweiterte Sicherheitskonzepte – Entwicklungen, die es ohne den Film in dieser Form nicht gäbe. Doch wie gelingt es, dass ein Märchenfilm – getragen von wiederholter Fernsehausstrahlung und lokalen Initiativen – über Generationen hinweg nicht verblasst, sondern im Gegenteil an Relevanz gewinnt?
Margitta Hensel, Museologin beim Schlösserland Sachsen – einem Netzwerk, das mehr als 50 Schlösser, Burgen und Gärten im Freistaat betreut und vermarktet – erläutert die Entstehungsgeschichte des Drehorts. Der Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel aus dem Jahr 1973 erzählt von einem selbstbewussten Aschenbrödel, das mit Hilfe magischer Nüsse den Prinzen für sich gewinnt – und in einer Schlüsselszene auf der Schlosstreppe ihren Schuh verliert. 1972 schlug die junge Regieassistentin Hannelore Unterberg als Kulisse für diesen Klassiker das Schloss Moritzburg als Drehort vor. Regisseur Václav Vorlíček nahm den Vorschlag sofort an. Obwohl ursprünglich ein Renaissancebau gesucht wurde, überzeugte Moritzburg durch seinen illusionistischen Barockstil, der perfekt zur märchenhaften Ästhetik des Films passte.
In der Produktion wurden keine baulichen Veränderungen am Schloss vorgenommen, erklärte Hensel. Die historischen Räume boten von sich aus ausreichend filmische Atmosphäre.
Warum Drei Haselnüsse für Aschenbrödel bis heute Kultstatus besitzt, erklärt Margitta Hensel insbesondere mit zwei Faktoren: Zum einen präge seit der bundesdeutschen Fernseherstausstrahlung am 26. Dezember 1975 jährlich zur Weihnachtszeit seine Präsenz im TV das kollektive Gedächtnis – der Film gehört seither unverzichtbar zum Festprogramm. Zum anderen lobt Hensel die herausragende filmische Umsetzung: Die klare Bildsprache – mit romantischen Winterlandschaften, stilvollen Kostümen und atmosphärischer Beleuchtung – schaffe eine märchenhafte Welt, die zugleich zeitlos erscheint. Die moderne Aschenbrödel-Figur – aktiv, listig, humorvoll – kombiniert mit dem klassischen Liebesmotiv führt dazu, dass der Film für Generationen gleichsam zugänglich und identifizierbar bleibt. Diese Verbindung aus visueller Pracht, femininer Stärke und Erzähltradition macht ihn nachhaltig ansprechend für Kinder wie für Erwachsene.
Heute fungiert Schloss Moritzburg nicht mehr nur als Ort der Filmhandlung, sondern auch als lebendiges Museum – mit der jährlichen Winterausstellung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Die erste Schau öffnete im Winter 2009/10 – ursprünglich als einmaliges Event gedacht – und zog damals bereits über 150.000 Besucher und Besucherinnen an, wie der MDR berichtete. Seit der Erweiterung im November 2015, bei der Ausstellungsfläche und Besucherführung vergrößert wurden, kommen seither zwischen Mitte November und Ende Februar jährlich etwa 120.000 bis 130.000 Menschen in die winterlich dekorierten Säle des Schlosses. In der Jubiläumssaison 2023/24 lag die Besucherzahl sogar bei rund 134.000.
Damit das Erlebnis reibungslos funktioniert, führt Schlösserland Sachsen seit 2024 Zeitfenstertickets ein. Der Vorverkauf startet jeweils am 1. November: Tickets kosten für Vollzahlende 12 €, ermäßigt 10 €, Kinder und Schulklassen zahlen 4,50 €. Konkrete Kapazitätszahlen pro Stunde oder Tagesobergrenzen werden öffentlich nicht genannt, doch die Einführung der Zeitfenster deutet auf hohe Nachfrage hin.
Die Ausstellung selbst erstreckt sich über mehrere repräsentative Schlossräume – darunter Festsäle mit nachgestellten Filmszenen und multimedialen Inszenierungen – und zeigt Originalkostüme, Requisiten wie den Reitsattel oder die Galakutsche, zweisprachige Informationstafeln sowie interaktive Stationen. Außen erinnert ein bronzener Schuh auf der Drehtreppe dauerhaft an die berühmte Szene – ein beliebtes Fotomotiv und Symbol des Kultfilms.
Über die Ausstellung hinaus knüpft das Schloss im Sommer mit einem anderen Format an den Film an: Die Landesbühnen Sachsen inszenieren auf der Nordterrasse regelmäßig das Musical „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Es ist damit kein Teil der Winterausstellung, sondern eine eigenständige Freiluftproduktion, die das Thema im kulturellen Jahreskalender verankert und neue Publikumsgruppen anspricht. Für den Rest des Jahres bleibe das Schloss aber bewusst in seinem barocken Ursprung verankert, betonte Hensel. Man wolle die märchenhafte Nutzung nicht „auslutschen“, sondern gezielt Akzente setzen.
Kultfilme faszinieren nicht nur durch ihre Geschichten und Figuren – sie entfalten auch Wirkungen, die weit über die Leinwand hinausreichen. Besonders ihre Verbindung zu Orten kann ganze Tourismusströme auslösen und sich tief ins kulturelle Gedächtnis einschreiben. Damit sind sie längst nicht mehr nur ein Phänomen der Popkultur, sondern auch ein relevantes Forschungsfeld.
Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der sogenannte „film-induced tourism“ häufig auf kollektiver Erinnerung und Sehnsucht nach der Vergangenheit fußt: Der Tourismusforscher Sangkyun Kim zeigt in seiner Studie The Effect of Film Nostalgia on Involvement, Familiarity, and Behavioral Intentions of Potential Film Tourists (2019), dass Nostalgie das Engagement der Zuschauer, deren Gefühl von Vertrautheit mit Drehorten und letztlich ihre Reiseabsichten signifikant beeinflusst.
Auch die Kultur- und Tourismuswissenschaftler Philip Seaton und Takayoshi Yamamura verdeutlichen in ihrem Sammelband Japanese Popular Culture and Contents Tourism (2015), dass nostalgische Inhalte – Figuren, Schauplätze, Geschichten – bestimmte Orte zu „Pilgerstätten“ machen können. Nostalgie wirkt dabei nicht bloß als sentimentale Erinnerung, sondern als stabilisierende Emotion: Sie stiftet Identität, fördert Zugehörigkeit und schafft soziale Bindungen – vor allem, wenn Filme über lange Zeiträume hinweg immer wieder konsumiert werden, fast wie Rituale.
Der Medienwissenschaftler Mathias Frey unterstreicht in seiner Analyse Postwall German Cinema: History, Film History and Cinephilia (2016), dass Kultfilme zudem durch ihre aktiven Fangemeinden getragen werden. Diese „Kultgemeinschaften“ beschränken sich nicht auf den Konsum, sondern halten Filme lebendig – durch Zitate, Wiederholungen oder Reisen zu Drehorten.
Wie stark diese Dynamik wirken kann, zeigt das Beispiel von Der Herr der Ringe: Die Dreharbeiten in Neuseeland führten dort zu einem regelrechten Tourismus-Boom. Besonders Regionen wie Queenstown, die eng mit den Drehorten verbunden sind, verzeichneten zeitweise einen Besucherzuwachs von rund 40 Prozent, wie Tourism New Zealand dokumentiert.
Nostalgie ist nicht bloß Sehnsucht, sondern eine verbindende Kraft: Sie verbindet vergangene Zeiten mit der Gegenwart und motiviert Menschen, Orte aufzusuchen, die sie bislang nur medial kannten.
Darüber hinaus schaffen Kultfilme lebendige Communities: Fans tauschen sich aus, wiederholen Szenen, besuchen Drehorte. Damit nähren sie Orte wie Schloss Moritzburg längerfristig – jenseits eines einmaligen Besucherbooms.
Zugleich zeigt sich, dass Drei Haselnüsse für Aschenbrödel längst nicht nur nostalgisch gelesen werden kann. In der kulturwissenschaftlichen Diskussion wird der Film auch im Kontext von Gender- und Queer-Studies betrachtet: Seine extravaganten Kostüme, die spielerische Umkehr klassischer Geschlechterrollen und die Selbstbestimmtheit der Protagonistin laden zu queeren Lesarten ein, wie das Online-Magazin Queer.de bereits 2010 in einem Artikel unter dem Titel „So schwul ist Aschenbrödel" herausarbeitete. Auch aktuelle Remakes lösen Debatten aus – etwa, als eine Szene mit einem Kuss zwischen zwei Männern international zensiert wurde, wie Mannschaft.com 2021 berichtete. Dass der Stoff noch immer solche Diskussionen entfacht, verdeutlicht, wie offen und vielschichtig ein Märchenfilm von 1973 bis heute gedeutet werden kann.
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ist weit mehr als ein Märchenfilm – es ist ein Beispiel dafür, wie Nostalgie, mediale Präsenz und Authentizität zusammenwirken, um Ort, Film, Tourismus und kulturelle Identität zu verweben. Der Film setzt keine Grenzen: Er wird gezeigt, erinnert und gelebt – gerade, weil er emotional wirkt und einen Ort wie Moritzburg symbolisch auflädt. Die Folge: ein sich selbst tragendes kulturelles Erbe, das nach dem Abspann weiterlebt.

