
Wenn Detlef Hausmann heute durch die Görlitzer Innenstadt schlendert, erkennt er in den barocken Fassaden und Jugendstil-Ornamenten mehr als nur historische Architektur. Seit The Grand Budapest Hotel sieht er seine Heimatstadt durch die Linse von Wes Anderson – und mit dem Wissen, selbst Teil dieser filmischen Verwandlung gewesen zu sein.
Als die Kamera nach einer eleganten Schwenkbewegung auf ihm zur Ruhe kommt und ihn für wenige Sekunden ins Bild setzt, ist das für Hausmann weit mehr als eine Statistenrolle. "Ich habe bis zum letzten Moment gedacht, dass ich rausgeschnitten werde", sagt er und lacht. Doch dann sitzt er 2014 bei der Premiere im Kinosaal, seine ganze Familie neben sich, und erlebt sich selbst auf der großen Leinwand – ein Moment, der sich ihm bis heute eingeprägt hat.
Hausmann, Inhaber eines Mittelalter-Geschäfts auf der Brüderstraße und Teil des Kollektivs rund um das Schankhausspektakel Görlitz, wurde 2012 während der Dreharbeiten zu Andersons vierfach Oscar-prämierter Tragikomödie Teil der Filmcrew. Als er mir zum Gespräch begegnet, trägt er ein Gewand im mittelalterlichen Stil – dazu einen längeren, weißen Bart und eine Ausstrahlung, die ihn aus der Zeit gefallen wirken lässt. Seine Erscheinung ist eindrücklich – und erklärt sofort, warum die Filmcrew auf ihn aufmerksam wurde.
Der Weg ins Setleben begann für ihn rein zufällig. „Ich wurde einfach auf der Straße angesprochen – wegen meines Outfits", erzählt er. Sein Bart, sein Stil, seine Präsenz – das passte. Die Filmcrew suchte authentische Gesichter für die Komparsenrollen in der fiktiven mitteleuropäischen Republik Zubrowka, und Hausmann brachte genau das mit. "Ich durfte zwei, drei Monate lang meine Haare und meinen Bart nicht schneiden", erinnert er sich. Für ihn bedeutete das: keine Verstellung, kein Kostüm, kein Schauspiel. Er konnte einfach der sein, der er ohnehin ist – nur eben eingebettet in Andersons kunstvoll symmetrische Bildwelten.
Der Film wurde zu großen Teilen in der 57.000-Einwohner-Stadt an der Neiße gedreht. Im Zentrum stand das damals leerstehende Jugendstil-Kaufhaus an der Berliner Straße – im Film das legendäre Grand Budapest Hotel. Görlitz verwandelte sich für wenige Wochen in Zubrowka und wurde zum Schauplatz einer internationalen Filmproduktion mit Stars wie Ralph Fiennes, Tilda Swinton und Jeff Goldblum.
Ausschnitt aus The Grand Budapest Hotel (2014), Regie: Wes Anderson, Rechte: © Fox Searchlight Pictures / Disney. Gestreamt über Disney+.
In einer Szene mit Jeff Goldblum durfte Hausmann dann nicht nur im Hintergrund stehen, sondern aktiv vor der Kamera agieren. „Wir haben das bestimmt 30 Mal an einem Tag gedreht – und am nächsten Tag nochmal 15 Mal. Aber es war nie stressig", sagt er. Stattdessen beschreibt er die Atmosphäre am Set als überraschend familiär. Anderson, bekannt für seine akribische Arbeit an jeder Einstellung, ließ sich Zeit. Jeder Take wurde wiederholt, bis Bildkomposition, Bewegung und Timing perfekt waren. „Man konnte ihn schwer einschätzen. Aber genau das macht ihn ja auch aus – und seine Filme."
Was Hausmann besonders beeindruckte: Am Set herrschte ein Miteinander auf Augenhöhe. „Jeff Goldblum hat wirklich jeden gegrüßt – egal ob Komparse oder Schauspielkollege", erinnert er sich. „Ein super bodenständiger Typ." Die Liste der Schauspielgrößen liest sich wie das Who's Who des internationalen Films: neben Goldblum auch Willem Dafoe, Saoirse Ronan, Adrien Brody. Doch für Hausmann waren es keine unnahbaren Stars, sondern zugängliche Menschen. Es sei kein Hauch von Allüren zu spüren gewesen – diese Gleichbehandlung habe ihn nachhaltig bewegt.
Ich habe bis zum letzten Moment gedacht, dass ich raugeschnitten werde.
Hausmann war nicht allein. Dutzende Görlitzerinnen und Görlitzer wurden als Komparsen engagiert. Viele kannte er schon vorher vom Sehen – heute grüßt man sich auf der Straße mit einem wissenden Lächeln. The Grand Budapest Hotel war nicht nur ein Filmprojekt, sondern ein kollektives Erlebnis, das sich tief ins Gedächtnis der Stadt eingeschrieben hat.
„Ich habe meine Heimatstadt noch einmal ganz neu kennengelernt", sagt Hausmann. Plötzlich fand er sich in Gebäuden wieder, die für die Öffentlichkeit normalerweise verschlossen bleiben. Er durfte hinter die Kulissen schauen – im wahrsten Sinne. Das Kaufhaus an der Berliner Straße, jahrelang dem Verfall preisgegeben, erstrahlt im Film in verschwenderischer Pracht. Die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften wurde zur Klosterbibliothek. Der Untermarkt zur Straßenszene aus den 1920er-Jahren.
Diese neu entdeckten Perspektiven auf die eigene Stadt waren für ihn das größte Geschenk. Der Film, so erzählt er, habe eine verspielte, fast märchenhafte Seite von Görlitz gezeigt – auf eine Weise, die selbst Einheimische staunen ließ. "Man erkennt die Orte natürlich wieder. Aber eben ganz anders. Man sieht sie durch die Augen eines Künstlers."
Auch wenn Hausmann später noch an kleineren historischen Produktionen mitgewirkt hat – The Grand Budapest Hotel bleibt für ihn ein Highlight. Die Nachwirkungen dieser Zeit spürt er bis heute. „Diese besondere Atmosphäre – die habe ich mitgenommen. In meine eigenen kleinen Filmprojekte – und in meinen Alltag", sagt er. Er habe sich so sehr in das Geschehen hineinversetzt, dass er für den Moment Teil dieser Welt war. Kein Schauspiel, sondern echtes Erleben.
Zur Premiere erschien er stilecht im Outfit der 1920er-Jahre. „Es war ein verrücktes Gefühl, sich selbst im Kino zu sehen", sagt er nachdenklich. Zu wissen, dass er dort war und etwas dazu beigetragen hat, das Menschen auf der ganzen Welt bis heute berührt. Der Film spielte weltweit über 170 Millionen US-Dollar ein und gewann 2015 vier Oscars – unter anderem für Szenenbild und Kostümdesign.
Wenn Hausmann heute durch Görlitz läuft, trägt er diese Erfahrung mit sich. Die Stadt ist dieselbe geblieben. Und doch sieht er sie anders – mit dem Wissen, dass Orte mehr sein können als nur Kulisse. Dass sie zu Mitspielern werden können. Und dass manchmal ein weißer Bart genügt, um Teil von etwas Größerem zu werden.

Titelbild / Screenshot aus The Grand Budapest Hotel (2014), Regie: Wes Anderson, Rechte: © Fox Searchlight Pictures / Disney. Gestreamt über Disney+.

