
Ich war vorbereitet.
Auf den Streit um Parkplätze, den Zorn der Anwohner, und das obligatorische Schimpfen beim Nachmittagskaffee. Schließlich heißt es ja immer, Filmtourismus sei die stille Katastrophe des 21. Jahrhunderts – gleich nach Kreuzfahrten und Kräutertee aus Einwegbeuteln.
Also mache ich mich auf den Weg – bewaffnet mit Notizbuch, der Aufnahme-App auf meinem Handy und einer großen Portion Sensationslust. Die erste Etappe führt mich mit dem Auto Richtung Moritzburg, vorbei an Rapsfeldern, Dorfteichen und flirrendem Sommerlicht. Je näher ich dem Schloss komme, desto sicherer bin ich: Hier muss Konfliktpotenzial warten.
Doch je weiter ich reiste, desto deutlicher wurde: Das Drama, das ich suchte, existierte nicht. Oder, um es mit filmischer Präzision zu sagen – die Szene war gestrichen.

Überall, wo ich Konflikt erwartete, bekam ich Freundlichkeit serviert.
In Schlossfoyers, Burgkellern, Museumsbüros – stets lächelnde Gesichter, warme Stimmen, die mir mit stoischer Ruhe erklärten, dass man sich über Besucher eigentlich immer freue.
In Moritzburg etwa, wo der DDR-Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973) seit Jahrzehnten Wintertourismus und Nostalgie vereint, läuft die Maschinerie so perfekt, dass selbst Schneeflocken wie bestellt vom Himmel fallen. Zeitfenster-Tickets, Sicherheitskonzept, barocker Glanz – und eine Museologin, die mit entwaffnender Gelassenheit erklärt, man müsse das Märchen nicht zum Dauerbrenner machen. Ich notiere eifrig. Vielleicht liegt der Skandal ja genau darin, dass hier alles funktioniert.
Meine weitere Reise führt mich nach Sachsen-Anhalt. Ich rolle mit meinem weißen Auto auf den Parkplatz vor der Burg Querfurt – dort, wo schon Die Päpstin (2009) und Der Medicus (2013) gedreht wurden.
Vor mir steht ein Kamin aus Pappmaché („Der war im Film!“), daneben Museumspädagogin Michelle Keilig, die so herzlich von Dreharbeiten erzählt, dass man kurz vergisst, hier überhaupt recherchieren zu wollen.
Ich frage vorsichtig nach Konflikten, Anwohnern, Beschwerden. Sie überlegt. „Also… nein. Die fanden das eher cool.“
Kein Fluch, keine Klage – höchstens Staunen über Hollywood auf dem Acker.
Mit jedem zurückgelegten Kilometer schwand meine Hoffnung auf Drama. Als ich schließlich im Zug nach Görlitz sitze – die Burgstaubreste noch an den Schuhen –, ist meine journalistische Erwartung endgültig in Auflösung begriffen.
In Görlitz angekommen, wartet das Gegenteil von Empörung: Kaffee, Kuchen und ein nahezu olympisches Organisationstalent.
Projektmanagerin Kerstin Gosewisch vom Filmbüro empfängt mich mit dem wohl entspanntesten Satz der Reise: „Wenn auf dem Schild ‚Dreharbeiten‘ steht, sind die Autos weg. Steht ‚Straßenreinigung‘, bleibt mindestens eins stehen.“
Ich kann gar nicht so schnell mitschreiben, wie meine Konflikt-Hypothese zerbröselt. Statt Lärm und Ärger erzählen mir die Menschen hier von Stolz und Gemeinschaftsgefühl. Gastronomen berichten, wie sie nachts noch Nudeln für Filmteams kochten; Anwohner schwärmen von Begegnungen mit Stars, die man am nächsten Tag beim Bäcker traf.
Ich beginne zu ahnen: Der Mythos vom „überlaufenen Drehort“ hält sich, weil er so schön erzählt werden kann – irgendwo zwischen Kulturpessimismus und Katastrophenlust.
Tourismusforschung nennt das „Overtourism“. Hier nennt man es Dienstag.

In der Literatur liest man von „sozialen Spannungen im Raum“.
In der Realität riecht dieser Raum nach Filterkaffee und frisch gewischtem Schlossparkett. Vielleicht liegt das an Deutschland – einem Land, das Filmsets behandelt wie Behördenvorgänge: gut geplant, gründlich, konfliktarm.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag auf Burg Querfurt. Während ich meine Notizen sortiere, läuft irgendwo eine Kaffeemaschine, jemand bespricht den Aufbau für die nächste Führung. Keine Spannungen, keine Hektik – nur Routine und ruhige Abläufe.
Vielleicht ist das der wahre Unterschied zwischen Forschung und Feldarbeit:
Auf dem Papier kollidieren Einheimische und Reisende.
In der Praxis kollaborieren sie.
Statt Aggression – Kooperation.
Statt Überforderung – Organisation.
Und manchmal einfach ein freundlicher Gruß zwischen Tür und Torbogen.
Irgendwann gebe ich auf.
Ich höre auf, nach der großen Enthüllung zu suchen, und beginne, die kleine zu erkennen: dass es auch Geschichten ohne Konflikt gibt, die etwas über uns erzählen.
Dass Tourismus nicht immer das „Eindringen“ bedeutet, sondern auch ein Miteinander sein kann – leise, respektvoll, neugierig.
Zumindest hier, in diesem kleinen Ausschnitt der deutschen Filmlandkarte: zwischen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.
In Moritzburg regelt man den Andrang mit Zeitfenstern, in Görlitz mit Gelassenheit, in Querfurt mit einem Schulterzucken.
Und alle zusammen widerlegen das Vorurteil, dass Filmtourismus zwangsläufig zur Belastungsprobe wird.
Vielleicht liegt die Pointe gerade darin, dass sie alle höflich sind.
Dass sie sich über Besuch freuen, aber trotzdem lieber die Kirche im Dorf und den Film im Schloss lassen.
Am Ende blieb mir keine Schlagzeile.
Kein Aufschrei, kein Protest, nicht einmal ein empörter Post in einer Lokal-Facebook-Gruppe.
Nur freundliche Gesichter, organisierte Abläufe – und der stille Verdacht, dass Harmonie einfach keine gute Headline ergibt.
Ich schließe mein Notizbuch, steige in den Zug, das Abendlicht fällt durch das Fenster – und denke:
Vielleicht ist das größte Drama des Filmtourismus, dass es keins gibt.
Und dass das – bei Licht betrachtet – die schönste Pointe von allen ist.

